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Geschichte der Odenwaldschule : Der Virtuose des Missbrauchs

Der sagenumwobene Ruf der Odenwaldschule, der sich auf keiner einzigen nachweisbaren Überlegenheit im Unterricht oder in den Leistungen gründete, speiste sich im Wesentlichen aus der Mär der besseren Schule „eigener pädagogischen Prägung“, die den staatlichen „Zwangssystemen“ in jedem Fall überlegen war. Die Privatschulen verfügten „nie wirklich über die besseren Konzepte, die ihre Überlegenheit begründet hätten. Das hörte sich nur so an, auch weil Glaubensnachfrage bestand.“ Oelkers trifft damit einen entscheidenden Punkt, der sich selbst an einem Alternativmodell im staatlichen Sektor wie der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg beobachten lässt, deren Anhänger ebenfalls ein nachgerade religiöses Schwärmertum an den Tag legen.

Abwicklung: Geschlossen wurde die Odenwaldschule erst im vergangenen Jahr. Das Inventar steht zum Verkauf.

Was auch immer man von internationalen Leistungsvergleichen wie Pisa halten mag, sie bewahren hoffentlich vor einem kollektiven Irrglauben an eine ideale Schule, wie sie so vieler Anhänger in der Odenwaldschule sehen wollten und selbst nach deren Schließung immer noch sehen. „Die Odenwaldschule war sakrosankt, weil sie den alten pädagogischen Traum des Lernens in Freiheit verknüpft mit dem Leben in Gemeinschaft zu verwirklichen schien. Aber das heißt auch, dass niemand auf den Gedanken kam, es könnte Täter und Opfer geben. Im Paradies gibt es keine Schande“, analysiert Oelkers. Bedrückend sind die Aussagen der Opfer, die der Autor zusammengetragen hat, und Beckers Virtuosität, bei Elternbeschwerden über körperliche Misshandlungen an ihren Kindern, die „sadistische Züge“ trügen, den Opfern selbst die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Völlig unverständlich bleibt, wie Becker auch nach seinem Abgang von der Odenwaldschule und den ersten Missbrauchsvorwürfen gegen ihn im November 1999 seine Karriere unbeschadet fortsetzen konnte. Zwar hatte das hessische Kultusministerium seinen Beratervertrag fristlos gekündigt, doch Becker blieb die deutschlandweit gefeierte pädagogische Lichtgestalt. Er blieb der Chefideologe der Landerziehungsheim und diese ließen ihn gewähren. Aberwitzig ist auch, dass ausgerechnet Becker die hochgradig ideologieanfällige pädagogische Debatte in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in den neunziger Jahren wesentlich mitbestimmt hat und dreißig Jahre lang auf jedem Kirchentag auftrat, sogar Mitglied im Präsidium war. Schon beim Stuttgarter Kirchentag im Juli 1969 war Becker als Podiumsteilnehmer mit Hartmut von Hentig und Günter Grass zugegen, moderiert von Hellmut Becker ausgerechnet zum Thema „Aggression als individuelle und gesellschaftliche Tat“.

Im der eindrucksvollen Recherchearbeit, die Oelkers für das Buch geleistet hat, stecken zugleich dessen Schwächen, die keineswegs nur stilistischer Natur sind. Der biographistische Ansatz wirkt teilweise redundant, liest sich auch nicht wirklich fesselnd, weil ein roter Faden fehlt. Es wird keine Geschichte erzählt, die den Leser bei der Stange hält. Das mindert aber nicht die aufklärerische Leistung dieses Werkes, das eine messerscharfe Abrechnung mit der Reformpädagogik und dem Mythos der Landerziehungsheime ist.

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