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Teju Coles neuer Roman : Wenn man geht, hinterlässt man keine Lücke

  • -Aktualisiert am

Teju Cole in Nigeria Bild: Teju Cole

Mit „Open City“ wurde Teju Cole berühmt. Sein neues Buch erzählt von einem Nigerianer, der sich für seine Heimat schämt, und einem Amerikaner, der über den Westen nur spotten kann. Es geht um die Ursachen von Boko Haram.

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          Ein leises Mitgefühl, schreibt Teju Cole, beschleiche ihn, mit all jenen Schriftstellern, die ihren Stoff verschlafenen amerikanischen Vorstädten abgewinnen und Scheidungsszenen schreiben müssen, in denen lethargische Geschirrspüler eheliche Kälte symbolisieren. Ja, Mitgefühl und leiser Spott und große Langeweile. Der afroamerikanische Schriftsteller, Fotograf und Kunsthistoriker Teju Cole, 40, hat anderes zu berichten. Ungeheuerliche Geschichten aus der Welt von heute. Zum Beispiel aus Lagos in Nigeria, der größten Stadt Afrikas. Wo die Ereignisse, die Schicksale, die Kämpfe, die Brutalität und der Erfindungsreichtum der Menschen den Besucher aus jener anderen Welt unwiderstehlich ansaugen, begeistern, erschüttern und abstoßen.

          Cole hat nigerianische Eltern, wurde in Amerika geboren und wuchs in Lagos auf. Mit achtzehn Jahren ging er zurück nach Amerika, mit dreißig kam er zum ersten Mal wieder nach Lagos. Von dieser Rückkehr berichtet er in dem Buch „Jeder Tag gehört dem Dieb“, das in diesen Tagen erstmals auf Deutsch erscheint, das er aber schon vor acht Jahren geschrieben hat. Zwischendurch hat ihn der Roman „Open City“ berühmt gemacht. Aber dieses Buch hier, dieses Lagos-Buch, ist noch besser. Es ist Memoir, Reportage, Selbstbetrachtung, Literaturgeschichte - ein Roman. Ein Bericht auch über die Schule der Gewalt, über die Ursprünge der Massenmorde von Boko Haram im Norden Nigerias, die seit Monaten das Land erschüttern.

          Zunächst aber ist es die Geschichte eines Mannes, der in seine fremde Heimat zurückkehrt. Der sich schämt für die schlechte Organisation hier, das schlechte Bild, das das Land dem Reisenden schon am internationalen Flughafen von sich zeigt. Der mit den Regeln der Korruption klarkommen muss. Der in den Internetcafés die jungen Männer beobachtet, die Betrugsmails mit der Bitte um Geldüberweisungen in die ganze Welt verschicken, die sich mit Einfingersystem mühsam über die Tastaturen stochern und sich ihren unbekannten Adressaten als „Vorsitzende des Staatlichen Ölministeriums“ vorstellen und doch, so Cole, „ganz augenfällig Vorsitzende von gar nichts“ sind.

          Die Sehnsucht nach Gewalt

          Es ist ein schamvoller Blick der Verwandtschaft, der übergroßen Nähe und plötzlichen Distanz. Teju Cole lebt hier und da. Er beobachtet die Dinge mit doppelter Optik, das macht dieses Buch, das macht sein Schreiben so groß. Er ist gleichzeitig der Amerikaner, der in seinem Arbeitszimmer in Brooklyn permanent nervtötende, betrügerische Spammails mit Geldforderungen aus Afrika bekommt, und er ist der Nigerianer hier, in diesem schmierigen Internetcafé, der seinen Landsleuten beim mühevollen Verfassen dieser Mails mitleidig und fasziniert zusieht.

          Wie ein Gummiball wird der Autor auf diesen 170 Seiten von Welt zu Welt geschossen. Er geht an den Ort, an dem ein elfjähriger Junge, dem man vorwarf, entweder eine Tasche oder ein Baby gestohlen zu haben, wenige Tage zuvor von einigen Männern mit einem Autoreifen gefesselt, mit Benzin übergossen und angezündet worden war. Er wird Zeuge eines Überfalls auf einen Transport neuer Utensilien für eine private Schule, die eine Verwandte von ihm gegründet hat. Bewaffnete Männer verlangen geduldig und unnachgiebig unbezahlbare Summen Wegegeld, um den Transport passieren zu lassen. Die Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, erschüttern den Erzähler: „Ich halte mich für einen Pazifisten, aber ich will Blut vergießen, ich will verletzen oder verletzt werden. Die Endlosigkeit der Situation macht mich wahnsinnig, ich erkenne mich selbst nicht wieder.“

          Bang. Bang. Bang. Sehnsucht nach Gewalt. Ausweglosigkeit. Irgendwann löst sich die Situation einfach auf. Teju Cole schießt nicht, er schreibt. Er trifft seine erste Liebe wieder, mit ihrem Ehemann, sie schweigen. Sie waren mal andere, fundamental vertraut. Er ist der Fremde, doppelt fremd. So fremd wie jeder Mensch, der nach fünfzehn Jahren der ersten Liebe wieder begegnet und den Schock der Distanz des einst so Vertrauten erlebt. Aber Teju Cole hat die Zwischenjahre auf einem anderen Planeten verbracht. Ein Alien, der hier einst lebte. „Das bedeutet Fremdsein: Wenn man geht, hinterlässt man keine Lücke.“

          Rassistisch und islamophob

          Es gibt keinen Platz, der für ihn freigehalten wurde. Er muss sich ganz neu hineinkämpfen in diese Stadt, dieses Land der Gewalt. Dass der Norden von der Regierung komplett im Stich gelassen wird, dass dort im Norden das Gesetz der Scharia gilt, dass christliche Pfarrer in paradiesischem, ergaunertem Reichtum leben, dass aus all dem eines Tages ein Bürgerkrieg, eine exzessive, flächendeckende Brutalität entstehen könnte, das meint man, als Leser von heute, aus diesem acht Jahre alten Buch schon herauslesen zu können.

          Doch wenn man ihn heute, per Mail, auf die Greuel der letzten Monate anspricht, nennt Cole Boko Haram einen „unerwarteten Albtraum“, eine Entwicklung, die niemand voraussehen konnte. Es sei eine existentielle Herausforderung für Nigeria. Eine Herausforderung, der sich zunächst einmal die Regierung vor Ort stellen müsse. Nach den Anschlägen von Paris hatte Teju Cole auf der Website des „New Yorkers“ darüber geklagt, dass westliche Journalisten vor lauter Trauer um die getöteten Karikaturisten den Opfern der Massaker von Boko Haram zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Doch das, sagt er jetzt, sei natürlich nicht das zentrale Problem. Die nigerianische Regierung lasse die Region im Norden einfach im Stich.

          In dem Text über die Pariser Anschläge hatte Teju Cole noch in anderer Hinsicht eine andere Perspektive eingenommen. Er bezeichnete viele der Karikaturen, die in den Jahren zuvor in dem französischen Satire-Magazin erschienen waren, als rassistisch und islamophob. Er fände es falsch, dass diese Karikaturen nun überall gefeiert und ihre Verbreitung in der ganzen Welt dringend empfohlen würde. Es sei völlig klar, dass die Freiheit der Meinungsäußerung fundamental und unverhandelbar sei. „Aber es ist möglich, gleichzeitig das Recht auf rassistische und obszöne Sprache zu verteidigen, ohne diese Inhalte gutzuheißen.“

          Literatur wird Wirklichkeit im Kopf

          Klar, schreibt er jetzt per Mail auf meine Frage, haben das auch Leute missverstanden. Warfen ihm vor, dass er sich auf die Seite der Terroristen stelle, dass er behaupte, die Karikaturisten seien selbst schuld an ihrem Tod. „Aber ich fürchte, man muss mit solchen Missverständnissen rechnen, wenn man über ein so sensibles politisches Thema schreibt.“

          Innerlich frei sein, sich auf keine Sicherheiten verlassen, innerlich brennen. Das sind die drei Punkte, die Teju Cole immer wieder erwähnt, wenn er über die Grundlagen seines Schreibens spricht. Die Voraussetzungen für sein Schreiben. Und Lesen. Wer kein guter Leser sei, sei auch kein guter Autor, schreibt er in seiner Mail: „Others’ words make other words make sense.“ - Erst die Worte von anderen verleihen dem eigenen Schreiben Sinn. Coles großes Vorbild ist Michael Ondaatje, der in Sri Lanka geborene, in Kanada lebende Autor des Romans „Der englische Patient“. Mehrmals beim Schreiben fällt Cole sich selbst ins Wort: Erlebe ich das jetzt? Oder habe ich das bei Ondaatje gelesen? Cole ist ein Schriftsteller, der in Spuren geht. Manchmal verwechselt er sie mit seinen eigenen. Literatur wird Wirklichkeit im Kopf, im Schreiben eines Nachfolgers.

          Einmal, in einem überfüllten Bus in Lagos, beobachtet Cole eine Frau. Sie liest ein Buch, nur wenige Menschen lesen in Lagos. Er sieht genauer hin. Sie liest ein Buch von Ondaatje. Cole schaut, wie kann das sein? Ihn verbindet ungefähr alles mit dieser Frau, wahrscheinlich. Er muss sie sprechen, sie ist wie er. Er selbst, gespiegelt in dieser Frau. Aber sie steigt aus, verschwindet in der Menge. Er muss mit sich selber reden, er muss schreiben.

          „Was vermag Literatur?“, hatte ich Teju Cole noch gefragt. Er schreibt: „Inmitten der ohrenbetäubenden Kämpfe der Welt, kann Literatur den Raum schaffen, in dem etwas anderes geschieht. Möglichkeitsraum für eine Welt. Und, manchmal kann sie trösten.“

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