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Teju Coles neuer Roman : Wenn man geht, hinterlässt man keine Lücke

  • -Aktualisiert am

Rassistisch und islamophob

Es gibt keinen Platz, der für ihn freigehalten wurde. Er muss sich ganz neu hineinkämpfen in diese Stadt, dieses Land der Gewalt. Dass der Norden von der Regierung komplett im Stich gelassen wird, dass dort im Norden das Gesetz der Scharia gilt, dass christliche Pfarrer in paradiesischem, ergaunertem Reichtum leben, dass aus all dem eines Tages ein Bürgerkrieg, eine exzessive, flächendeckende Brutalität entstehen könnte, das meint man, als Leser von heute, aus diesem acht Jahre alten Buch schon herauslesen zu können.

Doch wenn man ihn heute, per Mail, auf die Greuel der letzten Monate anspricht, nennt Cole Boko Haram einen „unerwarteten Albtraum“, eine Entwicklung, die niemand voraussehen konnte. Es sei eine existentielle Herausforderung für Nigeria. Eine Herausforderung, der sich zunächst einmal die Regierung vor Ort stellen müsse. Nach den Anschlägen von Paris hatte Teju Cole auf der Website des „New Yorkers“ darüber geklagt, dass westliche Journalisten vor lauter Trauer um die getöteten Karikaturisten den Opfern der Massaker von Boko Haram zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Doch das, sagt er jetzt, sei natürlich nicht das zentrale Problem. Die nigerianische Regierung lasse die Region im Norden einfach im Stich.

In dem Text über die Pariser Anschläge hatte Teju Cole noch in anderer Hinsicht eine andere Perspektive eingenommen. Er bezeichnete viele der Karikaturen, die in den Jahren zuvor in dem französischen Satire-Magazin erschienen waren, als rassistisch und islamophob. Er fände es falsch, dass diese Karikaturen nun überall gefeiert und ihre Verbreitung in der ganzen Welt dringend empfohlen würde. Es sei völlig klar, dass die Freiheit der Meinungsäußerung fundamental und unverhandelbar sei. „Aber es ist möglich, gleichzeitig das Recht auf rassistische und obszöne Sprache zu verteidigen, ohne diese Inhalte gutzuheißen.“

Literatur wird Wirklichkeit im Kopf

Klar, schreibt er jetzt per Mail auf meine Frage, haben das auch Leute missverstanden. Warfen ihm vor, dass er sich auf die Seite der Terroristen stelle, dass er behaupte, die Karikaturisten seien selbst schuld an ihrem Tod. „Aber ich fürchte, man muss mit solchen Missverständnissen rechnen, wenn man über ein so sensibles politisches Thema schreibt.“

Innerlich frei sein, sich auf keine Sicherheiten verlassen, innerlich brennen. Das sind die drei Punkte, die Teju Cole immer wieder erwähnt, wenn er über die Grundlagen seines Schreibens spricht. Die Voraussetzungen für sein Schreiben. Und Lesen. Wer kein guter Leser sei, sei auch kein guter Autor, schreibt er in seiner Mail: „Others’ words make other words make sense.“ - Erst die Worte von anderen verleihen dem eigenen Schreiben Sinn. Coles großes Vorbild ist Michael Ondaatje, der in Sri Lanka geborene, in Kanada lebende Autor des Romans „Der englische Patient“. Mehrmals beim Schreiben fällt Cole sich selbst ins Wort: Erlebe ich das jetzt? Oder habe ich das bei Ondaatje gelesen? Cole ist ein Schriftsteller, der in Spuren geht. Manchmal verwechselt er sie mit seinen eigenen. Literatur wird Wirklichkeit im Kopf, im Schreiben eines Nachfolgers.

Einmal, in einem überfüllten Bus in Lagos, beobachtet Cole eine Frau. Sie liest ein Buch, nur wenige Menschen lesen in Lagos. Er sieht genauer hin. Sie liest ein Buch von Ondaatje. Cole schaut, wie kann das sein? Ihn verbindet ungefähr alles mit dieser Frau, wahrscheinlich. Er muss sie sprechen, sie ist wie er. Er selbst, gespiegelt in dieser Frau. Aber sie steigt aus, verschwindet in der Menge. Er muss mit sich selber reden, er muss schreiben.

„Was vermag Literatur?“, hatte ich Teju Cole noch gefragt. Er schreibt: „Inmitten der ohrenbetäubenden Kämpfe der Welt, kann Literatur den Raum schaffen, in dem etwas anderes geschieht. Möglichkeitsraum für eine Welt. Und, manchmal kann sie trösten.“

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