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Isabel Kreitz: Deutschland : Ihre Bilder haben so etwas Gewisses

Bild: Dumont Verlag

60 Jahre und kein bisschen grau: Isabel Kreitz erzählt mit einundfünfzig kurzen Comics Ereignisse, die die Deutschen bewegt haben

          Beim Dumont-Verlag ist ein Comic erschienen. Aber er nennt sich „Bilderbuch“. Das ist nicht falsch, denn jeder Comic ist eine Art Bilderbuch, aber etwas irritierend ist die Titulierung schon. Zumal niemand Geringeres als Isabel Kreitz den Band gezeichnet hat. Die Hamburgerin dürfte mittlerweile zu den weltweit bekanntesten deutschen Zeichnerinnen zählen, nachdem ihr Comic „Die Sache mit Sorge“ Furore im Ausland, vor allem in Frankreich, gemacht hat. Darin erzählte Kreitz von dem Spion Richard Sorge, der 1941 den deutschen Angriffsplan auf die Sowjetunion an Moskau verraten hatte. Ein solcher historischer Stoff fasziniert natürlich überall.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In ihrem neuen Band, der einfach „Deutschland - Ein Bilderbuch“ heißt, sind die Themen wieder historisch, aber meist weniger spektakulär. Es geht etwa um die Abschaffung der Lebensmittelkarten nach dem Krieg, um die Einführung der Fünftagewoche, um den Start des Farbfernsehens in Deutschland oder um Mathias Rust, dem es als erstem Privatmann gelang, mit dem Flugzeug auf dem Roten Platz zu landen. Es finden sich aber auch der Mauerbau, Thomas Manns Deutschlandbesuch in Ost und West 1949, die Einführung des Euro oder der Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 - sämtlich Ereignisse, die die Deutschen bewegt haben, einige eher harmlos, andere weltbewegend. Aber alle hat Isabel Kreitz auf einer einzigen Seite in eine kleine Geschichte gepackt.

          In den Augen des „Bild“-Zeitung-Lesers

          Das ist eine Kunst, die noch größer wird dadurch, dass die Zeichnerin hier nicht als historische Chronistin auftritt, die einen Sachcomic erstellte, sondern als Erzählerin, die die jeweiligen Ereignisse in den Reaktionen kleiner Leute spiegelt.

          Da liefert etwa die Ermordung von Rosemarie Nitribitt im Jahr 1957 nicht die gängigen Bilder des Appartements oder des Sportwagens der Edelprostituierten, sondern den Blick auf eine einheitlich grau gekleidete Menschenmenge auf der Straße, in der sich eine junge Frau mit auffälligem Kleid bewegt. Und das ist auch nicht die Nitribitt, sondern eine beliebige Passantin. Die Geschichte dazu erzählen erst die Augen eines „Bild“-Zeitung-Lesers, der einen anzüglichen Seitenblick riskiert. Nur die Schlagzeile seines Blattes gilt explizit dem Fall Nitribitt. Über alle Bilder der Seite aber ist in Sprechblasen der Text des Schlagers „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“ verteilt, den Marlene Dietrich 1930 bekannt gemacht hatte: „Die haben so etwas Gewisses.“

          Tragödien in Erdfarben

          Es sind in gewisser Weise also Rätselbilder, die Isabel Kreitz da gezeichnet hat, denn wenn man nicht auf der jeweils gegenüberliegenden Seite eine kurze Anmerkung zum gezeichneten Ereignis hätte, müsste man sich Anlass und Zeitpunkt selbst erschließen. So war es auch gedacht, als die insgesamt einundfünfzig kurzen Comics, aus denen das Buch besteht, im Jahr 2009 in der „Frankfurter Rundschau“ abgedruckt wurden - als Reminiszenz an den sechzigsten Geburtstag der Bundesrepublik. Auf diesen Erstabdruck gibt es im ganzen Buch übrigens keinen Hinweis. Das ist schofel.

          Ganz und gar nicht schofel ist die Gestaltung des Buchs. Der Druck ist prächtig, und die von Frank Giese erarbeiteten Chroniktexte zu jeder Geschichte ergänzen die Bilder vortrefflich, weil nun das Augenmerk weniger auf dem Erraten des Gegenstands liegt als auf dem Entschlüsseln des Bedeutungsreichtums. Kreitz hat kleine Lehrstücke, nicht nur historischer, sondern vor allem auch narrativer Art angefertigt. Und jedes ist in gewisser Weise auch komisch, denn die Brechung der wichtigen Ereignisse im privaten Alltagsgeschehen erzeugt eine oftmals skurrile Stimmung. Da Kreitz auf eine gedämpfte Farbpalette zugreift, die vor allem matte Braun-, Rot- und Grüntöne favorisiert, bekommen die Bilder zudem etwas historisch Ausgeblichenes. Auch das trägt zu einem wohligeren Gefühl beim Lesen bei, als es die ausgewählten Ereignisse eigentlich gestatten sollten.

          Denn eines sei betont: Isabel Kreitz kann auch sehr scharfzüngig erzählen. Man sehe sich ihre Episode zur Hinrichtung von Adolf Eichmann an. Oder die ganz ohne Worte gezeichnete Heimkehr eines der letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Da wird „Deutschland - Ein Bilderbuch“ plötzlich zum Exempel auf die Frage, was man noch so gerade bildlich andeuten kann. Und so ist das Vergnügen mit diesem Buch ein vielfältiges: humoristisch, intellektuell, historisch, graphisch. Und es ist egal, wie man das Ganze dann nennt.

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