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Houellebecqs neuer Roman : Ist das alles iranisch gemeint?

Dieses Schreckensszenario spinnt Houellebecq weiter. Hollande wird 2017 nur wiedergewählt, weil Marine Le Pen in die Stichwahl kommt. Nach ihrer Niederlage gelangte sie zur Einsicht, „man habe als Frau wie Angela Merkel auszusehen, um an den Gipfel der Macht zu gelangen, und so ahmte sie die Respekt gebietende Ehrwürdigkeit der deutschen Bundeskanzlerin bis hin zu ihrer Frisur und dem Schnitt ihrer Blazer nach“. Nochmals fünf Jahre später lässt Houellebecq den französischen Vichy- und Vergangenheitskomplex mit all seinen Zwängen in einen politischen Urknall münden. Um Marine Le Pen zu verhindern, unterstützen die Politiker den islamischen Politiker Ben Abbès. Statt des historischen Faschismus, den die Intellektuellen nach 1945 verdrängten und später im nachhinein bekämpften, bekommen sie den Islam in seiner faschistischen Variante. Und sind nicht heldenhafter, als sie es unter der deutschen Besatzung waren.

Schrecken der Kollaboration

Man liest die beklemmende Schilderung von Frankreichs fortschreitender und friedlicher Islamisierung stets vor dem Hintergrund der dreißiger und vierziger Jahre, nicht nur, weil Ben Abbès die Arbeitslosigkeit besiegt. Unerbittlich ist Houellebecqs Beschreibung der französischen Bereitschaft zur Kollaboration.

Auch François, der Antiheld der „Unterwerfung“ und Houellebecqs Alter Ego, konvertiert zum Islam. Für Politik hat er sich nie interessiert. Als Professor suchte er sich seine Gespielinnen unter den Zweitsemestern aus, er liebte ihre kurzen Röcke. Jetzt müssen sie Schleier tragen. An der von den Saudis kontrollierten Sorbonne bekommt François ein viel höheres Gehalt. Und drei Frauen, die er gar nicht erst verführen und erobern muss. Die jüngste ist 15 Jahre alt - im Jargon Houellebecqs: Frischfleisch. Mit dem Islam teilt er das Ideal von der unemanzipierten und verfügbaren Frau. Die einzige Kampfzone, die wirklich zählt, ist die Sexualität. Seinen Vorstellungen von ihr entspricht die Polygamie - in früheren Romanen waren es die Bordelle in Thailand und die obligatorische Freizügigkeit einer Sekte.

Inzwischen hat sich Michel Houellebecq bereits zu den französischen Rezensionen geäußert. Er habe sich in die Haut eines Muslims in Frankreich zu versetzen versucht und erkannt, wie sehr sich dieser in einer schizophrenen Lage befinde. Die Gründung einer islamischen Partei erscheine ihm als durchaus logisch. Weiter schwadroniert er von einer „Beschleunigung der Geschichte“. Und räumt ein, dass er sehr wohl mit den Ängsten spiele, vor allem den kollektiven. Damit tut er genau das, was das Wesen der Literatur ausmacht und was die Zeitungen besser lassen. Und anders auch als die Politik darf die Fiktion die politische Korrektheit bis aufs Blut ausreizen und ungestraft mit den Klischees und - seien es auch nur vermeintliche - Denkverboten jonglieren.

Genaues Porträt der französischen Gesellschaft

In die Falle, die Houellebecq Frankreich mit seiner „Unterwerfung“ gestellt hat, tappt selbst sein Bewunderer Finkielkraut, der über ein hervorragendes literarisches Urteilsvermögen verfügt. Houellebecq, sagte Finkielkraut im „Journal du Dimanche“, skizziere „eine Zukunft, die keine Gewissheit ist, aber sehr plausibel“. Nein, auch mit scheinbar rationalen Untertreibungen kommt man Houellebecq nicht bei. Als negative Utopie oder Antizipationsroman wie „1984“ darf man die „Unterwerfung“ schon gar nicht lesen.

Selbst die Deutungen als Abgesang auf das Abendland und Aufruf zum Widerstand im Kulturkampf, wie sie in rechten Publikationen wie dem „Figaro“ oder „Le Point“ vorgenommen werden, gehen zu weit.

Für den Leser des Romans gibt es auf die Frage, ob Houellebecq seine Fiktion in der Wirklichkeit fürchtet oder herbeisehnt, im Buch selber keine Antwort. Es ist ein phänomenales, genaues Porträt der französischen Gesellschaft, vor allem ihrer Medien und der politischen Klasse, deren Personal unfreiwillig und ungefragt in Nebenrollen auftritt, wobei der Autor vor herrlichen Überzeichnungen nicht zurückschreckt. Rücksichtslos beschreibt er in eher platten Sätzen die französischen Realitäten, Tabus, Albträume und Obsessionen. Es ist ein heilsames, ein blasphemisches Buch - eine Komödie, von der vielleicht sogar eine Katharsis ausgehen kann. Grund für eine Fatwa gegen Houellebecq hat nur Frankreich.

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