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Hörbuch : Was träumt der Kopfsalat im Mondenschein?

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Stifter und Thomas Bernhard

Sebald inszeniert in „Austerlitz“ allerdings kein romanhaftes Geschehen; vor allem verzichtet er auf herkömmliche Dialoge, schon deshalb, weil er, der seit 1966 in England lebte und lehrte, sich in seinem „Exil“ vom aktuell gesprochenen Deutsch zunehmend entfernte. Stattdessen bevorzugte er die Form des Berichts, in einer kunstvollen Sprache, die sich an Vorbildern aus dem neunzehnten Jahrhundert wie Adalbert Stifter orientiert, aber auch einige Manierismen Thomas Bernhards übernimmt, vor allem den „periskopischen“ Stil, also die Relativierung und Brechung des Erzählten durch die Einschaltung oft mehrerer hintereinander gestaffelter Erzählerfiguren („sagte Vera, sagte Austerlitz“). So löst sich die Narration in ein Hörensagen auf; zugleich lässt sich durch dieses Stilmittel dem Bericht aber auch eine starke subjektive Leidenschaft beigeben, jene notorische „Erregung“, die viele Bernhard-Figuren kennzeichnet.

Dieses Pathos verstärkt sich noch, wenn eine zentrale Passage in „Austerlitz“, die Darstellung des trügerischen Alltags und der grotesk wuchernden Bürokratie in Theresienstadt, in einen zehnseitigen Satz mündet, dessen Darbietung Michael Krüger eine Höchstleistung an akustischer Strukturierung abverlangt. Dennoch schleicht sich in das Pathos hier ein falscher Ton ein, was jedoch nicht an Krüger liegt. Austerlitz hat im Zuge seiner Familien- und Herkunftsforschung ja erst spät im Leben damit begonnen, sich mit Theresienstadt zu beschäftigen. Er hat zu diesem Zweck H.G. Adlers bahnbrechendes Standardwerk über das Getto („Theresienstadt – Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“) akribisch studiert.

Hingerissen hört man dem Vorleser zu

Um jedoch wiederzugeben, was Austerlitz in einem wichtigen Buch der Holocaust-Forschung gelesen hat, wirken der erzählerische Relativierungs- und Pathos-Apparat und die atemlose Suada (der Zehn-Seiten-Satz!) ein wenig überinstrumentiert. Auch die bei Austerlitz wirksame Psychodynamik von Kindheitsverdrängung und den in Schlüsselmomenten aufblitzenden Erinnerungs-Flashbacks scheint einer etwas klischeehaften Idee von Traumabewältigung geschuldet – wie es sich der psychoanalytisch vorgebildete Laie eben so vorstellt. Das nimmt dem Roman aus dem zeitlichen Abstand doch ein wenig von seiner Meisterwerks-Aura.

Sebalds feinnervige Prosa aber ist überzeugender als seine Geschichtspädagogik. Hingerissen hört man zu, wenn Michael Krüger die Passagen über die Motten liest, diese Parias unter den Kleinschmetterlingen, für die Austerlitz ebenfalls eine Obsession entwickelt. Geradezu andächtig erzählt er von dem Falter, der sich in sein Haus verflogen hat und nun reglos auf der Wand sitzen bleibt, bis er stirbt. Die Leiden der Geschichte sind bei Sebald – und das ist vielleicht das Faszinierendste an seinen Werken – eingerahmt von der Naturgeschichte. Das Kreatürliche führt diesen Erzähler immer wieder über den Menschen hinaus: „Wer weiß“, sagt Austerlitz an einer Stelle, „vielleicht träumen auch die Motten und der Kopfsalat im Garten, wenn er zum Mond hinaufblickt in der Nacht.“

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