https://www.faz.net/-gr0-yks6

F.A.Z.-Sachbücher des Frühjahrs : Warum Probleme für uns wichtig sind

  • Aktualisiert am

Bild: REUTERS

Ein Band versammelt lesenswerte Texte des Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung, der Historiker Peter Heather erzählt die Geschichte der Völkerwanderung und der Biologe Josef Reichholf wirft einen neuen Blick auf das Konzept der sexuellen Selektion. Dies und mehr in unserer Auswahl von Sachbüchern aus der F.A.Z.-Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse.

          Glücklich, wer mit dem Strom schwimmt. Mit seinem persönlichen Lebensstrom. Ein Grundgesetz gelingender Biographiearbeit: Keine stehenden Gewässer bilden! Mensch wird man laut Carl Gustav Jung nicht nur einmal, sondern drei-, viermal im Laufe eines Lebens. Man war nicht eben noch jung und ist nun plötzlich alt. Dazwischen liegen Lebensstadien, von denen jedes einzelne anders gelebt werden will. Wobei das Wörtchen „anders“ die Sache herunterspielt. Man sollte sich darauf vorbereiten, so erklärt C. G. Jung - mit Sigmund Freud und Alfred Adler einer der wichtigsten psychiatrischen Schriftsteller seiner Zeit -, dass mit jeder Altersstufe eine neue Geburt ansteht. Jung nennt das: Lebensplanung betreiben, statt passivistisch und in der Haltung eines Opferlamms im bisherigen seelischen Zustand zu verharren. Wer sich vor dem Neuen, Fremden schützt und zum Vergangenen regrediert, so Jung in Anspielung auf Goethes Philosophie der organischen Entwicklung, der ist eigentlich in der gleichen neurotischen Verfassung wie derjenige, der mit dem Neuen sich identifizierend, der Vergangenheit davonläuft.

          Was ist gemeint? „Ein Mann von dreißig, der noch infantil ist, ist wohl bedauernswert, aber ein jugendlicher Siebzigjähriger, ist das nicht entzückend?“, fragt Jung ironisch. „Und doch sind beide pervers, stillos, psychologische Naturwidrigkeiten. Ein Junger, der nicht kämpft und siegt, hat das Beste seiner Jugend verpasst, und ein Alter, welcher auf das Geheimnis der Bäche, die von Gipfeln in Täler rauschen, nicht zu lauschen versteht, ist sinnlos, eine geistige Mumie, welche nichts ist als erstarrte Vergangenheit. Er steht abseits von seinem Leben, maschinengleich sich wiederholend bis zur äußersten Abgedroschenheit. Was für eine Kultur, die solcher Schattengestalten bedarf!“

          Medikalisierung des Seelenlebens

          Jung interessiert das Vorhersagbare an den Altersstufen, das Typische, auf das man sich einstellen kann, ohne deshalb ein Manual der Lebensführung, ohne Antworten mit exaktem oder zwingendem Charakter bieten zu wollen. Von Problemen der menschlichen Altersstufen zu handeln, heißt für Jung von Schwierigkeiten, Fragwürdigkeiten, Zweideutigkeiten zu handeln - mit einem Wort: von Fragen, auf die mehr als eine Antwort gegeben werden kann, Antworten zudem, die niemals genügend sicher und unzweifelhaft sind. „Wir werden darum nicht weniges in Fragezeichen denken müssen, ja, schlimmer noch: Einiges müssen wir auf Treu und Glauben annehmen, und gelegentlich müssen wir sogar spekulieren.“

          Jungs überaus komplexes, thematisch ausgreifendes Werk liegt in einer Ausgabe mit zwanzig Bänden vor. Auf den ersten Blick wirkt es auch für Interessierte unübersichtlich und schwer zugänglich. Verena Kast und Ingrid Riedel haben es deshalb unternommen, das Wichtigste von Jung in einem Buch von dreihundert Seiten herauszugeben. Ein Wagnis, bei dem die Ergebnisse einer Umfrage unter Kollegen des C. G. Jung-Instituts Zürich berücksichtigt wurden, die herausfinden sollte, „welche Texte Jungs, die gleichzeitig gut erschließbar sind, sie für unabdingbar für das Verständnis der Jung'schen Psychologie erachteten“. Nachdem vor zwei Jahren Jungs „Rotes Buch“, ein kunstvoller, prachtvoll illustrierter Erfahrungsbericht im imaginierten Umgang mit dem Unbewussten, weit über die Fachgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, wird diesem großartigen Buch nun eine Auswahl von Texten des „klinischen“ Jung zur Seite gestellt. Damit Jung, dieser kultivierte Anwalt der menschlichen Selbstheilungskräfte, heute, in Zeiten fortschreitender Medikalisierung des Seelenlebens von einer breiten Öffentlichkeit neu entdeckt werden kann: ein Tiefenpsychologe, der die Biologie zu gewichten wusste, während er gleichzeitig mit aller Kraft an der Vorstellung seelischer Urbilder festhielt.

          Das Danaergeschenk der Kultur

          Dass die Herausgeberinnen neben den berühmten Tavistock Lectures (“Über Grundlagen der Analytischen Psychologie“) Jungs Theorie der Altersstufen ins Zentrum des Auswahlbandes gestellt haben, war eine gute Entscheidung. Zeigen doch gerade Essays wie „Die Lebenswende“ und „Seele und Tod“, welche reichen Erträge sich aus einer klinischen Phänomenologie gewinnen lassen, die auf das Gesunde im Kranken achtet, auf das Normale im Pathologischen. Vor Jungs weitgespannten anthropologischen Überlegungen wirken die diversen, häufig neurobiologisch befeuerten Optimierungsdebatten unserer Tage wie kalter Kaffee, wie klägliche Produkte der Halbbildung jedenfalls. Ja, es sieht beinahe so aus, als wolle Jung mit seiner Reflexion der Lebensstadien die heiße Luft aus manchen der Diskussionen nehmen, die heute unter dem Namen der Lebenssteigerung (“enhancement“) geführt werden.

          Sein Lebensbegriff sucht die Rückbindung an die biologischen Prämissen, ohne vitalistisch zu verflachen. Menschliche Naturhaftigkeit kann Jung gar nicht anders denken als im Verhältnis zum menschlichen Bewusstsein. Die Pointe dieses Verfahrens liegt im Lob des Problems. „Wenn das seelische Leben nur aus Tatsächlichkeiten bestünde“, erklärt Jung an die imaginäre Adresse der medikamentösen Psychiatrie, „dann könnten wir uns mit handfester Empirie begnügen. Das seelische Leben des Kulturmenschen aber ist voll Problematik, ja, es lässt sich ohne Problematik gar nicht denken. Unsere seelischen Vorgänge sind zum großen Teil Überlegungen, Zweifel, Experimente - lauter Dinge, welche die unbewusste, instinktive Seele des Primitiven so gut wie gar nicht kennt. Die Existenz der Problematik verdanken wir dem Wachstum des Bewusstseins; sie ist das Danaergeschenk der Kultur. So bedeutet jedes Problem die Möglichkeit zu einer Erweiterung des Bewusstseins, zugleich aber auch die Nötigung, von aller unbewußten Kindhaftigkeit und Naturhaftigkeit Abschied zu nehmen.“ Kultur ist nur als Nötigung zu haben. Probleme sichern das Menschsein.

          Unvorbereitet in den Lebensnachmittag

          Von daher widerlegt sich jeder therapeutischer Ansatz von selbst, der die Lösung einer Lebensproblematik verheißt. Mit strenger Logik geht es Jung um den Nachweis der lebenserhaltenden Funktion von Problemerfahrungen, deren wichtigste oft nur spekulativ angegangen werden können. „Die großen Lebensprobleme sind nie auf immer gelöst. Sind sie es einmal anscheinend, so ist es immer ein Verlust. Ihr Sinn und Zweck scheint nicht in ihrer Lösung zu liegen, sondern darin, dass wir unablässig an ihnen arbeiten. Das allein bewahrt uns vor Verdummung und Versteinerung.“ Wie muss ein therapeutisches Verfahren beschaffen sein, das die „Selbstgespaltenheit des problematischen Zustands“ zur Erkenntnis bringt, aber nicht wegzutherapieren sucht?

          Hier setzt Jungs Psychologie der Lebensstadien ein. Sie liefert eine Art Grundriss für die altersspezifischen Problematiken, wobei es immer um die Frage geht, wie sich mit dem jeweiligen biologischen Alter psychisch Schritt halten lässt, um von den Veränderungen, die sich gleichsam naturgesetzlich einstellen, nicht überrascht zu werden. „Das Schlimmste an all diesen Dingen ist“, so schreibt Jung in dem besagten Essay „Die Lebenswende“, „dass kluge und gebildete Menschen dahinleben, ohne von der Möglichkeit solcher Veränderungen zu wissen. Gänzlich unvorbereitet treten sie die zweite Lebenshälfte an. Oder gibt es irgendwo Schulen, nicht bloß Hoch-, sondern Höhere Schulen für Vierzigjährige, die sie ebenso auf ihr kommendes Leben und seine Anforderungen vorbereiten, wie die gewöhnlichen und Hochschulen unsere jungen Leute in die Kenntnis von Welt und Leben einführen? Nein, aufs tiefste unvorbereitet treten wir in den Lebensnachmittag, schlimmer noch, wir tun es unter der falschen Voraussetzung unserer bisherigen Wahrheiten und Ideale.“

          Depressionen und Phobien

          Der springende Punkt von Jungs Psychologie der Altersstufen, gleichsam die Grundbedingung der gedeihlichen Entwicklung, ist der Auftrag, nicht hinter sich selbst zurückzubleiben. Jung denkt Biographie dann doch als einen energetischen Ablauf, bei dem man den Zeiger nicht anhalten kann. „Ich habe nämlich die Beobachtung gemacht, dass ein zielgerichtetes Leben im Allgemeinen ein besseres, reicheres, gesünderes ist als ein zielloses, und dass es besser ist, mit der Zeit vorwärts als gegen die Zeit rückwärts zu gehen. Dem Seelenarzt erscheint der Alte, der sich vom Leben nicht trennen kann, ebenso schwächlich und krankhaft wie der Junge, der es nicht aufzubauen vermag.“

          Es gibt, versteht man recht, eine Zeitgenossenschaft auch mit der eigenen biographischen Entwicklung, die man nicht ungestraft verleugnet. Das gilt für die Jugend wie für das Alter. Man scheine nicht zu berücksichtigen, so Jung, dass Nicht-altern-können genauso „blödsinnig“ ist wie den Kinderschuhen Nicht-entwachsen-Können. „Jugendliche Sehnsucht nach Welt und Leben, nach Erreichung hochgespannter Hoffnungen und ferner Ziele ist die offenkundige Zielstrebigkeit des Lebens, welche sich sofort in Lebensangst, neurotische Widerstände, Depressionen und Phobien verwandelt, wenn sie irgendwo in der Vergangenheit hängenbleibt und vor Wagnissen zurückschreckt, ohne welche die gesteckten Ziele nicht erreicht werden können“, heißt es in „Seele und Tod“, jenem anderen Essay, der die Psychologie der Altersstufen behandelt.

          Gefühl der Unerledigtheit

          Und im Alter gilt Analoges: „Der Nährboden der Seele ist das natürliche Leben. Wer dieses nicht begleitet, bleibt in der Luft hängen und erstarrt. Darum verholzen so viele Menschen im reifen Alter, sie schauen zurück und klammern sich an die Vergangenheit mit geheimer Todesfurcht im Herzen. Sie entziehen sich dem Lebensprozess wenigstens psychologisch und bleiben darum als Erinnerungssalzsäule stehen, die sich zwar noch lebhaft an ihre Jugendzeit zurückerinnern, aber kein lebendiges Verhältnis zur Gegenwart finden können.“

          Die Psychologie in der Nachfolge C.G. Jungs spricht vom Phänomen der Remanenz, des hinter sich Zurückbleibens - eine Störung des Zeiterlebens ähnlich wie beim Kontrollzwangskranken, der sich nicht Neuem zuwenden kann, weil er seinen Handlungen gegenüber das Gefühl der Unerledigtheit behält und immer wieder nachprüfen muss, ob das Getane auch wirklich getan ist. Eine eigenartige Vollzugsstörung, ein nicht Nicht-von-der-Stelle-können sorgt dafür, dass Gespräche wie nicht gesprochen, Handlungen wie nicht getan erfahren werden. „Eben weil nur sprechen kann, wer innerlich voraus- und weiterspricht; handeln nur kann, wer innerlich voraus- und weiterhandelt, eben darum nimmt den endogen Gehemmten das Tun und Sprechen der anderen oder sein eigenes nicht wirklich auf und nicht wirklich mit“, schreibt der Psychiater Victor Emil von Gebsattel Mitte der fünfziger Jahre in seinen „Prolegomena einer medizinischen Anthropologie“.

          Psychologie der Lebensstadien

          „Ein Wort ist zwar gesprochen, ein Tun getan, aber im Sinne des Werdens und damit der biologischen Freiheit ist es nicht gesprochen.“ Man gerät in ein Phantomleben hinein, verharrt in einer Traumwelt ungelebten Lebens, derweil man nach außen durchaus den Vielbeschäftigten geben kann, der sich aber nicht selbst in diese Beschäftigungen zu geben weiß. Eine ständig wirksame reservatio mentalis verhindert, dass er in jenes Leben einsteigt, das er nach außen führt. Wir sind Untote mitten im Leben: Verbirgt sich hinter unseren Absencen, Zerstreutheiten und Vergesslichkeiten ein derart unheimlicher Zeitverlust?

          Wer, angeregt durch diesen klug komponierten Auswahlband, Carl Gustav Jungs Psychologie der Altersstufen folgt, der bekommt es mit einer Philosophie der Endlichkeit zu tun, die sich über die Restriktionen menschlicher Existenz keine Illusionen macht. Der taucht andererseits tief in die „Schichten der Kategorie Möglichkeit“ ein, wie Ernst Bloch den Reiz des Daseins umschrieb. Denn in jeder „Verengerung des Lebens“ (C. G. Jung) steckt die Möglichkeit einer Vertiefung - tiefer, immer tiefer, bis man auf die Archetypen der Seele stößt. Nach Hause, immer nach Hause, sagen die Romantiker, zu denen fraglos auch der Psychiater Jung gehört, wenn sie nach dem Ziel ihrer Tiefenbohrung gefragt werden. Aber wer würde sich in seinen Archetypen wirklich zu Hause fühlen? Kommen die Urbilder, wenn wir auf sie treffen, nicht wie eine Befremdung über uns?

          Jung schreibt: „Ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade jene jungen Leute, welche das Leben fürchten, später ebenso sehr an Todesangst leiden.“ Wie unheimlich auf der anderen Seite jene jungen Leute, von denen der Tiefenpsychologe hier nur indirekt spricht, die heute nicht das Leben und morgen nicht den Tod fürchten. Hinter tausend Urbildern keine Welt - wer sollte da nicht das Fürchten lernen? Carl Gustav Jungs jetzt in handlicher Form verfügbare Psychologie der Lebensstadien bietet Erkenntnis auf hohem literarischem Niveau. Aber keinen Funken Trost.

          Christian Geyer

          Weitere Themen

          Was der Kanzlerbub wollte

          Chronik der Regierung Kurz : Was der Kanzlerbub wollte

          In ihrem Roman „Flammenwand“ verquickt Marlene Streeruwitz österreichische Politik und das Liebesleid ihrer Protagonistin Adele. Das Buch ist zugleich Chronik der türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz.

          Im Schleudergang

          FAZ Plus Artikel: Fahrertraining : Im Schleudergang

          Assistenzsysteme hin oder her – ein Auto sicher in der Spur zu halten lernt man am besten im Fahrertraining. Dort wird auf kritische Situationen vorbereitet, im Ernstfall zählt schließlich jede Zehntelsekunde.

          Topmeldungen

          Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

          Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

          Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.
          Olaf Koch, 49, ist seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro.

          Metro-Chef Koch im Interview : Ist Ihr Job noch sicher?

          Metro-Chef Olaf Koch hat eine feindliche Übernahme durch den tschechischen Milliardär Křetínský abgewehrt, doch die Probleme bleiben. Wie geht es mit dem Handelskonzern und ihm selbst weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.