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F.A.Z.-Sachbücher des Frühjahrs : Warum Probleme für uns wichtig sind

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Die Psychologie in der Nachfolge C.G. Jungs spricht vom Phänomen der Remanenz, des hinter sich Zurückbleibens - eine Störung des Zeiterlebens ähnlich wie beim Kontrollzwangskranken, der sich nicht Neuem zuwenden kann, weil er seinen Handlungen gegenüber das Gefühl der Unerledigtheit behält und immer wieder nachprüfen muss, ob das Getane auch wirklich getan ist. Eine eigenartige Vollzugsstörung, ein nicht Nicht-von-der-Stelle-können sorgt dafür, dass Gespräche wie nicht gesprochen, Handlungen wie nicht getan erfahren werden. „Eben weil nur sprechen kann, wer innerlich voraus- und weiterspricht; handeln nur kann, wer innerlich voraus- und weiterhandelt, eben darum nimmt den endogen Gehemmten das Tun und Sprechen der anderen oder sein eigenes nicht wirklich auf und nicht wirklich mit“, schreibt der Psychiater Victor Emil von Gebsattel Mitte der fünfziger Jahre in seinen „Prolegomena einer medizinischen Anthropologie“.

Psychologie der Lebensstadien

„Ein Wort ist zwar gesprochen, ein Tun getan, aber im Sinne des Werdens und damit der biologischen Freiheit ist es nicht gesprochen.“ Man gerät in ein Phantomleben hinein, verharrt in einer Traumwelt ungelebten Lebens, derweil man nach außen durchaus den Vielbeschäftigten geben kann, der sich aber nicht selbst in diese Beschäftigungen zu geben weiß. Eine ständig wirksame reservatio mentalis verhindert, dass er in jenes Leben einsteigt, das er nach außen führt. Wir sind Untote mitten im Leben: Verbirgt sich hinter unseren Absencen, Zerstreutheiten und Vergesslichkeiten ein derart unheimlicher Zeitverlust?

Wer, angeregt durch diesen klug komponierten Auswahlband, Carl Gustav Jungs Psychologie der Altersstufen folgt, der bekommt es mit einer Philosophie der Endlichkeit zu tun, die sich über die Restriktionen menschlicher Existenz keine Illusionen macht. Der taucht andererseits tief in die „Schichten der Kategorie Möglichkeit“ ein, wie Ernst Bloch den Reiz des Daseins umschrieb. Denn in jeder „Verengerung des Lebens“ (C. G. Jung) steckt die Möglichkeit einer Vertiefung - tiefer, immer tiefer, bis man auf die Archetypen der Seele stößt. Nach Hause, immer nach Hause, sagen die Romantiker, zu denen fraglos auch der Psychiater Jung gehört, wenn sie nach dem Ziel ihrer Tiefenbohrung gefragt werden. Aber wer würde sich in seinen Archetypen wirklich zu Hause fühlen? Kommen die Urbilder, wenn wir auf sie treffen, nicht wie eine Befremdung über uns?

Jung schreibt: „Ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade jene jungen Leute, welche das Leben fürchten, später ebenso sehr an Todesangst leiden.“ Wie unheimlich auf der anderen Seite jene jungen Leute, von denen der Tiefenpsychologe hier nur indirekt spricht, die heute nicht das Leben und morgen nicht den Tod fürchten. Hinter tausend Urbildern keine Welt - wer sollte da nicht das Fürchten lernen? Carl Gustav Jungs jetzt in handlicher Form verfügbare Psychologie der Lebensstadien bietet Erkenntnis auf hohem literarischem Niveau. Aber keinen Funken Trost.

Christian Geyer

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