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F.A.Z.-Sachbücher des Frühjahrs : Warum Probleme für uns wichtig sind

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Hier setzt Jungs Psychologie der Lebensstadien ein. Sie liefert eine Art Grundriss für die altersspezifischen Problematiken, wobei es immer um die Frage geht, wie sich mit dem jeweiligen biologischen Alter psychisch Schritt halten lässt, um von den Veränderungen, die sich gleichsam naturgesetzlich einstellen, nicht überrascht zu werden. „Das Schlimmste an all diesen Dingen ist“, so schreibt Jung in dem besagten Essay „Die Lebenswende“, „dass kluge und gebildete Menschen dahinleben, ohne von der Möglichkeit solcher Veränderungen zu wissen. Gänzlich unvorbereitet treten sie die zweite Lebenshälfte an. Oder gibt es irgendwo Schulen, nicht bloß Hoch-, sondern Höhere Schulen für Vierzigjährige, die sie ebenso auf ihr kommendes Leben und seine Anforderungen vorbereiten, wie die gewöhnlichen und Hochschulen unsere jungen Leute in die Kenntnis von Welt und Leben einführen? Nein, aufs tiefste unvorbereitet treten wir in den Lebensnachmittag, schlimmer noch, wir tun es unter der falschen Voraussetzung unserer bisherigen Wahrheiten und Ideale.“

Depressionen und Phobien

Der springende Punkt von Jungs Psychologie der Altersstufen, gleichsam die Grundbedingung der gedeihlichen Entwicklung, ist der Auftrag, nicht hinter sich selbst zurückzubleiben. Jung denkt Biographie dann doch als einen energetischen Ablauf, bei dem man den Zeiger nicht anhalten kann. „Ich habe nämlich die Beobachtung gemacht, dass ein zielgerichtetes Leben im Allgemeinen ein besseres, reicheres, gesünderes ist als ein zielloses, und dass es besser ist, mit der Zeit vorwärts als gegen die Zeit rückwärts zu gehen. Dem Seelenarzt erscheint der Alte, der sich vom Leben nicht trennen kann, ebenso schwächlich und krankhaft wie der Junge, der es nicht aufzubauen vermag.“

Es gibt, versteht man recht, eine Zeitgenossenschaft auch mit der eigenen biographischen Entwicklung, die man nicht ungestraft verleugnet. Das gilt für die Jugend wie für das Alter. Man scheine nicht zu berücksichtigen, so Jung, dass Nicht-altern-können genauso „blödsinnig“ ist wie den Kinderschuhen Nicht-entwachsen-Können. „Jugendliche Sehnsucht nach Welt und Leben, nach Erreichung hochgespannter Hoffnungen und ferner Ziele ist die offenkundige Zielstrebigkeit des Lebens, welche sich sofort in Lebensangst, neurotische Widerstände, Depressionen und Phobien verwandelt, wenn sie irgendwo in der Vergangenheit hängenbleibt und vor Wagnissen zurückschreckt, ohne welche die gesteckten Ziele nicht erreicht werden können“, heißt es in „Seele und Tod“, jenem anderen Essay, der die Psychologie der Altersstufen behandelt.

Gefühl der Unerledigtheit

Und im Alter gilt Analoges: „Der Nährboden der Seele ist das natürliche Leben. Wer dieses nicht begleitet, bleibt in der Luft hängen und erstarrt. Darum verholzen so viele Menschen im reifen Alter, sie schauen zurück und klammern sich an die Vergangenheit mit geheimer Todesfurcht im Herzen. Sie entziehen sich dem Lebensprozess wenigstens psychologisch und bleiben darum als Erinnerungssalzsäule stehen, die sich zwar noch lebhaft an ihre Jugendzeit zurückerinnern, aber kein lebendiges Verhältnis zur Gegenwart finden können.“

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