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F.A.Z.-Sachbücher des Frühjahrs : Warum Probleme für uns wichtig sind

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Das Danaergeschenk der Kultur

Dass die Herausgeberinnen neben den berühmten Tavistock Lectures (“Über Grundlagen der Analytischen Psychologie“) Jungs Theorie der Altersstufen ins Zentrum des Auswahlbandes gestellt haben, war eine gute Entscheidung. Zeigen doch gerade Essays wie „Die Lebenswende“ und „Seele und Tod“, welche reichen Erträge sich aus einer klinischen Phänomenologie gewinnen lassen, die auf das Gesunde im Kranken achtet, auf das Normale im Pathologischen. Vor Jungs weitgespannten anthropologischen Überlegungen wirken die diversen, häufig neurobiologisch befeuerten Optimierungsdebatten unserer Tage wie kalter Kaffee, wie klägliche Produkte der Halbbildung jedenfalls. Ja, es sieht beinahe so aus, als wolle Jung mit seiner Reflexion der Lebensstadien die heiße Luft aus manchen der Diskussionen nehmen, die heute unter dem Namen der Lebenssteigerung (“enhancement“) geführt werden.

Sein Lebensbegriff sucht die Rückbindung an die biologischen Prämissen, ohne vitalistisch zu verflachen. Menschliche Naturhaftigkeit kann Jung gar nicht anders denken als im Verhältnis zum menschlichen Bewusstsein. Die Pointe dieses Verfahrens liegt im Lob des Problems. „Wenn das seelische Leben nur aus Tatsächlichkeiten bestünde“, erklärt Jung an die imaginäre Adresse der medikamentösen Psychiatrie, „dann könnten wir uns mit handfester Empirie begnügen. Das seelische Leben des Kulturmenschen aber ist voll Problematik, ja, es lässt sich ohne Problematik gar nicht denken. Unsere seelischen Vorgänge sind zum großen Teil Überlegungen, Zweifel, Experimente - lauter Dinge, welche die unbewusste, instinktive Seele des Primitiven so gut wie gar nicht kennt. Die Existenz der Problematik verdanken wir dem Wachstum des Bewusstseins; sie ist das Danaergeschenk der Kultur. So bedeutet jedes Problem die Möglichkeit zu einer Erweiterung des Bewusstseins, zugleich aber auch die Nötigung, von aller unbewußten Kindhaftigkeit und Naturhaftigkeit Abschied zu nehmen.“ Kultur ist nur als Nötigung zu haben. Probleme sichern das Menschsein.

Unvorbereitet in den Lebensnachmittag

Von daher widerlegt sich jeder therapeutischer Ansatz von selbst, der die Lösung einer Lebensproblematik verheißt. Mit strenger Logik geht es Jung um den Nachweis der lebenserhaltenden Funktion von Problemerfahrungen, deren wichtigste oft nur spekulativ angegangen werden können. „Die großen Lebensprobleme sind nie auf immer gelöst. Sind sie es einmal anscheinend, so ist es immer ein Verlust. Ihr Sinn und Zweck scheint nicht in ihrer Lösung zu liegen, sondern darin, dass wir unablässig an ihnen arbeiten. Das allein bewahrt uns vor Verdummung und Versteinerung.“ Wie muss ein therapeutisches Verfahren beschaffen sein, das die „Selbstgespaltenheit des problematischen Zustands“ zur Erkenntnis bringt, aber nicht wegzutherapieren sucht?

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