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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Zaghafte Unsicherheit, blöde Befangenheit

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Lea Haller nimmt die Pharmaindustrie ins Visier, zwei Bücher beschäftigen sich mit Schüchternheit und ein Sammelband analysiert, wie die Gesellschaft Einwanderer betrachtet. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

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          Lea Haller nimmt die Pharmaindustrie ins Visier, zwei Bücher beschäftigen sich mit Schüchternheit und ein Sammelband analysiert, wie die Gesellschaft Einwanderer betrachtet. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Mark Twain sprach es aus: „Mensch: das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige, das Grund dazu hat.“ Nicht ganz: Als das Gorillaweibchen Koko einmal beim Spielen mit seinen Puppen ertappt wurde, hörte es den Berichten seiner Betreuer zufolge sofort wieder damit auf und drehte sich weg. Erröten konnte zwar nicht bei Koko festgestellt werden, von einem Schamempfinden aber gingen die Forscher aus.

          Damit ist das Themenfeld der anthropoiden Schüchternheit eröffnet, ihr psychosoziales, ihr neurologisches, ihr pharmakologisches Potential erkannt, was aktuell gleich zwei Autoren in die Deutungsgründe dieser Charaktereigenschaft führt: Florian Werner, der zuletzt mit „Dunkle Materie“ eine schambesetzte Kulturgeschichte der Körperausscheidung verfasst hat, und Margarete Eisner mit einer Qualifikationsschrift im Fach Psychologie. Wo Eisner hauptsächlich den Forschungsstand von Tiefenpsychologie und Anthropologie auswertet, verbindet Werner die Ideengeschichte mit dem „Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft“.

          Alles deutet zu Beginn der Lektüre dann aber darauf hin, dass man diese „Eigenschaft“ gar nicht genug unterschätzen kann - zumindest aus der Sicht der Betroffenen. Denn sie ist dem, der unter Schüchternheit leidet, oft eine lebenslange Last. Es ist nicht ohne Selbstentblößung, wenn Werner von seiner Telefonphobie berichtet, von seinen zahllosen Vermeidungsstrategien, die ihn vor der unmittelbaren Konfrontation mit Menschen behüten sollen, von ungeöffneten Briefen, von unrealisierten Romanzen, von vorauseilender Höflichkeit gegenüber Rüpeln, von seiner wohl pathologisch zu nennenden Angst, jemandem zu nah zu treten.

          Von Freud bis Alfred Adler

          Woher Schüchternheit kommt, wie sie zu bewerten ist und wie man sie wieder loswird, darüber wird seit langem gerätselt. Die meisten Theorien deuten auf die frühkindliche Entwicklung hin, in deren Verlauf nach Freud die Ich-Funktion ausgebildet wird. Florian Werner und Margarete Eisner rekapitulieren, dass Kinder etwa im Alter von vier Jahren beginnen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, das heißt deren Urteile zu antizipieren. Parallel zu seinen kognitiven Fähigkeiten entwickelt sich dann eben auch das Potential zur Schüchternheit. „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören“, heißt es bei Hermann Hesse. So gesehen, wäre der Schüchterne der ewige Geburtsverweigerer, unfähig Fremdwahrnehmung und Ich-Nähe miteinander zu verbinden.

          Florian Werner, der von der täglichen Begrüßung seines Spiegelbildes bis hin zu Konfrontationsexperimenten (eine wildfremde Person am Telefon in ein sinnloses Gespräch verwickeln) alles ausprobiert hat, bezweifelt die Effektivität solcher Ego-Polituren. Kann man sich bei Eisner an verschiedenen Pathologisierungsdiskursen von Freud bis Alfred Adler abarbeiten, schwenkt Werner rasch um zur Mentalitätsgeschichte des Phänomens. Das Wort „schüchtern“ taucht im sechzehnten Jahrhundert erstmals auf und bezieht sich ursprünglich auf scheue Tiere. Im Wörterbuch der Grimms finden sich später folgende Synonyme: „zaghafte Unsicherheit, blöde Befangenheit“. Die Auffassung von Schüchternheit unterliegt damit deutlich einer Historisierung.

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