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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Wegsehen im Dienst an der Kunst

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Bild: Verlag

Das Frankfurter Städel lässt seine Rolle während des Nationalsozialismus erforschen, Thomas Welskopp erzählt von der Zeit, als Alkohol in Amerika verboten war und Stéphane Hessel ruft nun auch in Deutschland zur Empörung auf. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

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          Eigentlich könnte man sich auch wundern: Soeben ist das Buch „Museum im Widerspruch“ erschienen, dessen Beiträge auf eine Tagung im vergangenen Jahr (F.A.Z. vom 22. Februar 2010) zurückgehen, und schwarz auf weiß können wir nun also die Geschichte des Frankfurter Städel im Nationalsozialismus nachlesen. Was die einen taten - und was den anderen angetan wurde. Durchforstet haben die Archive Kunsthistoriker und Historiker unter der Leitung von Uwe Fleckner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsstelle „Entartete Kunst“; in Auftrag wurde das Projekt 2008 gegeben und zwar von Max Hollein, dem heutigen Direktor des Städel.

          Was daran verwunderlich ist? Doch eigentlich der Zeitpunkt. Immerhin haben private Unternehmen wie die Dresdner Bank, die Bertelsmann AG oder der Volkswagenkonzern bereits in den neunziger Jahren unabhängige Forscherteams damit beauftragt, die Geschichte ihres Hauses zu untersuchen. Und von einem Museum, einer öffentlichen Bildungseinrichtung, hätte man vielleicht erwartet, dass es mehr Willen zur Aufklärung zeigt als ein privater Wirtschaftskonzern.

          Museen sehen sich als moralische Institution

          Hätte man? Tatsächlich lehrt die jüngere Geschichte, dass öffentliche Einrichtungen und private Konzerne gleich handeln. Die deutschen Unternehmen stellten sich erst nach Jahrzehnten ihrer Vergangenheit, nämlich dann, als sie in die Vereinigten Staaten expandierten und als überraschender Rückschlag der Globalisierung plötzlich aus dem Ausland die Forderung kam, man möge bitte endlich die Zwangsarbeiter entschädigen. Die Museen gerieten im gleichen Zeitraum wegen amerikanischer Restitutionsforderungen unter Druck und schließlich deshalb, weil andere Institutionen vor einigen Jahren begannen, das Thema aufzuarbeiten, darunter das Jüdische Museum mit der Ausstellung „Raub und Restitution“. Mit Blick auf die deutsche Museumslandschaft spielt das Städel allerdings die Rolle eines Pioniers. Es ist das erste deutsche Kunstmuseum, das den Auftrag vergeben hat, seine Geschichte aufzuarbeiten.

          Wer sich fragt, wie das sein kann, der wird in dem vorzüglich recherchierten Band die Antworten finden. Der Grund nämlich, warum die Aufarbeitung so lange dauert, liegt gerade in dem Selbstverständnis von Museen, eine moralische Institution zu sein. Als solche wähnten sich die deutschen Kunstmuseen in der Nachkriegszeit auf der anderen Seite - auf der Seite der Opfer und nicht der Täter. In Frankfurt war die Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht etwa vergessen, im Gegenteil, es kursierten zahlreiche Geschichten: über Bilder etwa, die im Zuge der nationalsozialistischen Kunstpolitik als „entartete Kunst“ konfisziert wurden; oder über Museumsmitarbeiter, die versuchten, die Werke in ihrem Haus zu schützen.

          Lange Zeit unerzählt

          Insbesondere über den langjährigen Direktor, der dem Städelschen Kunstinstitut von 1938 bis 1972 vorstand, wurden geradezu heldenhafte Dinge erzählt: Ernst Holzinger, der die als „entartet“ eingestufte Sammlung Carl Hagemanns 1937 im Depot versteckte, um sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Holzinger, der 1941 den Maler Max Beckmann im Exil besuchte. Holzinger, den der emigrierte Erwin Panofsky 1950 nach Princeton einlud und als „best art historian of his generation“ bezeichnete.

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