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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Die Zukunft liegt bei den Rückständigen

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Bild: Verlag

Der Historiker Ian Morris erklärt, wann eine Zivilisation zusammenbricht, der Reisejournalist James Palmer schreibt über den letzten Khan der Mongolei und der Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow packt das Übel an der Darmflora.

          Seitdem sich das Zentrum der Weltwirtschaft aus dem atlantischen Raum nach Ostasien zu verlagern beginnt, ist die Antwort auf die Frage, aus welchen Gründen der Westen die Welt so lange dominiert hat, nicht mehr nur von akademischem Interesse. Sie betrifft auch aktuelle Sorgen und Ängste und eröffnet womöglich die Chance, die Schwerpunktverlagerung der Weltwirtschaft zu verlangsamen, wenn nicht gar abwehren zu können.

          Und tatsächlich schließt Ian Morris, ein gelernter Archäologe und praktizierender Historiker aus England, der seit langem an der Stanford University lehrt und forscht, das nicht aus. Insgesamt hält er es jedoch für eher unwahrscheinlich, dass es dem Westen gelingen wird, über die Mitte des 21. Jahrhunderts hinaus in der Konkurrenz mit dem Fernen Osten die Nase vorn zu haben und die Rhythmik des Weltgeschehens zu bestimmen. Morris hat sich also nicht auf die Darstellung und Analyse der Vergangenheit beschränkt, sondern glaubt, in der Auseinandersetzung mit der Geschichte die Formel gefunden zu haben, die auch einen Blick in die Zukunft erlaubt.

          Ein Wettstreit zwischen Osten und Westen

          Dabei geht es Morris um nichts weniger als die Entschlüsselung der Menschheitsgeschichte, von jenen Anfängen, als unsere frühen Vorfahren Ostafrika verlassen und sich langsam bis nach Westeuropa und Ostasien vorgearbeitet haben, über die Großreichsbildungen der Antike, die industrielle Revolution bis in unsere Gegenwart. Es mag eine typisch englische Marotte sein, sich die Geschichte als sportlichen Wettkampf zwischen zwei Hauptakteuren vorzustellen, aber genau das verleiht der Fülle der Entwicklungen und Ereignisse eine Struktur, die Geschichte über einen so langen Zeitraum überblickbar und erzählbar macht.

          Freilich hat das auch seinen Preis: Südasien spielt in Morris' Analytik eine allenfalls untergeordnete Rolle, Nord- und Zentralasien kommen nur vor, insofern der „Steppenschnellweg“ durch sie verläuft, auf dem Güter und Informationen, Innovationen und Infektionen zwischen Ost und West hin und her bewegt wurden, und Afrika, der Herkunftskontinent der Menschheit, hat in der Sicht von Morris für die Entwicklung dominanter Zivilisationen gar keine Bedeutung. Die Zivilisationsgeschichte der Menschheit ist ein Wettstreit zwischen Osten und Westen, bei dem Letzterer über die längste Zeit die Nase vorn gehabt hat.

          Ackerbau und Viehzucht

          Dieser Befund ist um so überraschender, als gerade in jüngster Zeit in Abkehr von einer eurozentrischen Sichtweise vermehrt darauf hingewiesen wurde, dass die westliche Vorherrschaft erst im späten 18., frühen 19. Jahrhundert begonnen habe und zuvor China, aber auch der Wirtschaftsraum des Indischen Ozeans Europa in produktionstechnischer Hinsicht wie bezüglich des Handelsvolumens weit überlegen gewesen seien.

          Dass Morris die Akzente hier anders setzt, liegt zum einen daran, dass er den Wettkampf zwischen Osten und Westen nicht erst in der Neuzeit, sondern mit der neolithischen Revolution, dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, beginnen lässt und dass er seinem Vergleich einen ausgesprochen weiträumigen Begriff des Westens zugrunde legt: Für Morris beginnt der Westen in der Region, die wir heute als Nahen und Mittleren Osten bezeichnen, konzentriert sich dann auf den Mittelmeerraum, bewegt sich anschließend nach Nordwesteuropa, um schließlich auch noch Nordamerika einzuschließen.

          China wurde vom Westen überholt

          Dagegen bleibt der Osten in der Gegenüberstellung von Morris weitgehend stationär: Im Wesentlichen umfasst er China und Japan, also den Raum, den wir als Ostasien bezeichnen. Es ist erstaunlich, dass sich Morris, der die empirisch-statistische Basis seiner Darstellung methodologisch immer wieder reflektiert, die narrativen Grundlagen seiner Darstellung keiner weiteren Begründung für notwendig erachtet hat und ihm auch nicht in den Sinn gekommen ist, was es für den Vergleich bedeutet, wenn der Osten weitgehend stationär begriffen wird, während der als Westen begriffene Raum aus einer heliotropen Bewegung resultiert, die in Mesopotamien beginnt und an den Ufern von Hudson und Potomac endet.

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