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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Die vermeidbarste Todesursache der Welt

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Bild: verlag

Robert N. Proctor geißelt die Tabakindustrie, Jens Söring schildert seine Erfahrungen mit der amerikanischen Justiz und zwei Bücher widmen sich Computerspiel- und Internetsucht bei Kindern. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Robert N. Proctor geißelt die Tabakindustrie, Jens Söring schildert seine Erfahrungen mit der amerikanischen Justiz und zwei Bücher widmen sich Computerspiel- und Internetsucht bei Kindern. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Was ist der Plural von Holocaust? Es gibt ihn nämlich mittlerweile in mehreren Farben. Als den „Schwarzen Holocaust“ (an den afrikanischen Sklaven), den „Roten“ (an den Opfern des Kommunismus) und nun also den „Goldenen Holocaust“ (an den Rauchern und Passivrauchern). Nur der Holocaust an den Juden steht noch farblos da. Begriffsschöpfer des „Golden Holocaust“ und Autor des gleichnamigen Buches ist der Medizinhistoriker Robert Proctor. Seine Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften in Deutschland und besonders zur Krebsforschung im Dritten Reich haben ihm einen hohen Ruf, eine Professur an der Universität Stanford und eine Mitgliedschaft in der American Academy of Arts and Sciences eingetragen.

          1999 trat Proctor erstmals in einem Prozess gegen die Tabakindustrie auf, und zwar nicht, wie andere Historiker vor ihm, als Expertenzeuge der Konzerne, sondern der Raucher. Seither wirft ihm die Zigarettenlobby nach Kräften Knüppel zwischen die Beine, und er zahlt es ihr mit wissenschaftlichen und anderen Mitteln heim. Was sich dabei abspielt, ist ein Paradebeispiel dafür, wie viel ein Wissenschaftler in der Rolle des Aktivisten bewegen kann und wie rasch er in Teufels Küche gerät.

          Die Tabakindustrie reichte Klage ein

          Die Entstehungsgeschichte dieses Buches übersteigt vieles, was Akademiker an westlichen Universitäten zu ertragen gewohnt sind. 2009 reichten mehrere Zigarettenkonzerne Klage ein, um die Herausgabe von Proctors Manuskript zu erzwingen. Nachdem sie damit abgeblitzt waren, gelangten sie am 13. Februar dieses Jahres erneut vor Gericht, um die Verwendung des Buches als juristisches Beweismittel zu verbieten.

          In der zwölfseitigen Klageschrift wird Proctor Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen: Er schreibe „um zu schockieren und zu unterhalten und nicht um eine unvoreingenommene, objektive, faktengetreue Geschichte der Tabakindustrie vorzulegen“; er biete eine Analyse aus zweiter Hand, deren Aussagegehalt dem „Hörensagen über Hörensagen“ entspreche, und er schmücke seinen Titel mit Worten, die „Geschworene voreingenommen machen müssten“. Die Chuzpe der Anwälte, vor Gericht ein Buch zu verreißen, von dem sie nur Titel und Waschzettel kennen, ist auch eine Leistung.

          Die häufigste vermeidbare Todesursache

          Eines aber kann man den Advokaten der Tabakindustrie kaum vorwerfen: die Motive ihres Gegners zu verkennen. Proctor macht in seinem Buch den Zigarettenproduzenten den Prozess, und seine Begriffswahl und Beweisführung erwecken den Eindruck, er führe ihn weniger vor der Richterinstanz der wissenschaftlichen Öffentlichkeit als vor Laiengeschworenen eines amerikanischen Bezirksgerichts. In der Einleitung beteuert er, „den Begriff Holocaust mit Bedacht“ zu gebrauchen. Die Parallele zwischen Judenmord und Zigarettenkonsum bestehe in einer „Katastrophe von epischen Proportionen, mit zu vielen, die bereit sind wegzuschauen, und zu vielen, die dem Horror einfach seinen Lauf lassen“.

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