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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Die Macht, die einen wegreißen kann

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Wolfgang Behringer geht dem kollektiven Bewegungsdrang nach und Katja Eichinger erzählt die Lebensgeschichte ihres verstorbenen Mannes. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

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          Wolfgang Behringer geht dem kollektiven Bewegungsdrang nach und Katja Eichinger erzählt die faszinierende Geschichte ihres verstorbenen Mannes. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Die Sieger sind es eben doch nicht, die Geschichte schreiben. Jedenfalls im Sport. Historisch gesehen, sind Sieger passiv: Sie werden besungen, häufiger aber werden sie verschwiegen, verleumdet und vergessen. Wir kennen die wenigsten von ihnen, und schon gar nicht kennen wir die Verlierer. Aber da sind wir schon beim ersten Missverständnis, von dem es im Sport und über den Sport so viele gibt. Nicht der Vergleich, das Gegeneinander allein prägt den Sport. Ebenso wichtig, vielleicht wichtiger ist das Miteinander - zu allen Zeiten.

          Weil die historische Anerkennung des Sports und derjenigen, die ihn treiben, so frappierend gering ausfällt im Vergleich zu dem hohen gesellschaftlichen Rang der Körperkultur, hat sich Wolfgang Behringer der Sache angenommen. Der Historiker, der an der Universität des Saarlands vor allem zur Frühen Neuzeit forscht und lehrt, hat eine Kulturgeschichte vorgelegt, die er entschieden eine des Sports nennt. Sie dürfte die erste ihrer Art in deutscher Sprache sein. Behringer provoziert die Frage, ob etwas existieren kann, bevor es benannt ist. Konnte es Sport geben, bevor der Begriff, angeblich etwa Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, aus dem lateinischen „deportare“ abgeleitet war?

          Buchstäblich bedeutet es: sich wegtragen lassen. Jeder, der ein nur ein klein wenig vom Sport versteht, weiß, mit welch elementarer Macht der Sport einen wegreißen kann. Behringer widerspricht der These, dass es allein Kult- und Kampfspiele gegeben habe, bevor der moderne Sport erfunden wurde. Schon am Hof von Heinrich VIII. gab es das Hofamt des „Keeper of the Tennis Plays“, bei Gelegenheit ergänzt um den „Master of Merry Disports“.

          Stimmen die Details?

          Doch muss man sich Platon und Isaac Newton als Kampfsportler vorstellen, weil der eine rang und der andere boxte? Ist Kaiser Karl V. vor allem Sportfreund, weil er leidenschaftlich Tennis spielte? Mao Tse-tung war selbstverständlich nicht in erster Linie Schwimmer, obwohl er demonstrativ schwamm. Doch ob joggende und Basketball spielende Präsidenten von Amerika oder mittelalterliche Potentaten beim Ritterturnier: stets geht es darum, Kraft und Leistungsfähigkeit zu beweisen.

          Die Schönheit liegt knapp neben dem Auge des Betrachters: Fechterinnen offenbarten ihre Kunst bei den Olympischen Spielen in London erst in Zeitlupe

          Die Diskrepanz zwischen der bedeutenden Rolle des Sports in der Menschheitsgeschichte und seiner mangelnden Anerkennung in der Geschichtsschreibung - „Griechenland hat viele Übel, am schlimmsten aber ist das Volk der Athleten“, schrieb Euripides vor 2500 Jahren - sucht Behringer zu überbrücken. Im sporthistorischen Mehrkampf schlägt er dafür große Bögen. An den äußersten Enden mag er dabei durchaus auf schwankendem Grund stehen. Darf man das Ringen im Gilgamesch-Epos als Sport avant la lettre verstehen, die Kämpfe und Läufe der alten Ägypter, das Fußballspiel der Chinesen in der Periode der Streitenden Reiche? Wenn man daran zweifelt, muss man auch fragen, ob überhaupt die Olympischen Spiele der Antike Sport waren.

          Stimmen die Details bei den Irrungen und Wirrungen des Sports des zwanzigsten Jahrhunderts? Behringers Buch ist wegen mancher Fehler bereits wütend angegriffen worden. Und selbst die zusammengerechneten Medaillenspiegel aller Spiele der Neuzeit - seit London ohnehin überholt - ermüden mehr, als sie erhellen. Das Schwimmen übrigens, sieht man von dem Hinweis auf Mao und der Erwähnung von Mark Spitz und Michael Phelps als multiple Medaillengewinner ab, findet in diesem Buch, vielleicht weil es eine eigene Kulturgeschichte verdiente, praktisch nicht statt.

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