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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : All die menschlichen Selbstverständlichkeiten

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Hannelore Elsner bietet in ihrer Autobiographie mehr als Kinogeschichten. Taymond Geuss vereinigt Realismus und politische Philosophie. Drei neue Bücher suchen Gründe für die Krise der großen Kirchen.

          Von Beginn an haben sich politische Philosophen darüber gestritten, wie politische Philosophie am besten zu betreiben sei. Die Platoniker meinen, dass politische Philosophie sich vor allem auf eine ausgearbeitete Konzeption des Guten und Gerechten zu stützen habe, um dem Handelnden wie dem Urteilenden Maßstäbe und Orientierungen von allgemeiner Gültigkeit an die Hand geben zu können. Dieses Wissen von den Werten und Normen finden sie außerhalb der Höhle der geschichtlichen menschlichen Existenz, in der Hierarchie der Ideen, der Ordnung der Natur oder in der Verfassung der reinen, alle vernünftigen Wesen einenden Vernunft.

          Die Aristoteliker hingegen sind davon überzeugt, dass es das Gute an sich und ewig gültige Normen nicht gibt, dass es wenig hilfreich für das Handeln wie das Verstehen ist, die Realität vor den Richterstuhl der reinen Vernunft zu zerren. Nie darf das hermeneutische Einmaleins vergessen werden, die Geschichtlichkeit des Menschen, die Kontextualität aller Bedeutungen, die Situativität aller Handlungen. Illusionär ist es für diese wirklichkeitsaufmerksamen Philosophen, Letztbegründung anzustreben; ein derartiges Erkenntnisziel verführe nur dazu, die komplexe Wirklichkeit mit tabula-rasa-Konstruktionen, vereinfachenden Vernunft- und Menschenmodellen und idealisierenden Annahmen zu verstellen. In diesem Streit hatten die Platoniker immer das bessere Image. Sie waren es, die sich aufopferungsvoll vom Joch des Geschichtlichen und Empirischen befreiten und in die Höhen des Reinen und Abstrakten strebten. Sie waren die noblen Idealisten. Ihre realistischen Gegenspieler indes waren die Schmuddelkinder, immer dem Verdacht ausgesetzt, sich mit den schlechten Verhältnissen gemein zu machen.

          Entleerung des politischen Lebens

          Und auch hinsichtlich der Qualität der Theorie gibt es große Unterschiede. Während die Freunde des Apriorischen immer neue Systeme ersinnen, müssen sich die Parteigänger des Aposteriorischen damit begnügen, Triviales in Erinnerung zu rufen. Wie die Skeptiker führen sie eine parasitäre Existenz, leben ausschließlich von den forschen Übertreibungen der anderen. Sie sind die kleinen Meister des zurückschwingenden Pendels. Weil sich die Idealisten um die von ihnen aufgezeigten Beschränkungen einfach nicht scheren, müssen sie ihre hermeneutischen und kontextualistischen Plädoyers immer von neuem vorbringen. Sie sind zur Reaktion verdammt und haben daher auch nie die Definitionshoheit erobern können. Was als politische Philosophie gilt, haben immer die Platoniker und Kantianer festgelegt.

          Mit dem Auftauchen des von John Rawls inspirierten Neo-Kantianismus ist in dem alten und bereits ein wenig ermüdenden Methodenstreit zwischen den Platoniker und Aristotelikern eine neue Runde eingeläutet worden. Schnell stellten sich nach dem Erscheinen der „Theory of Justice“ die realistischen Kritikreflexe ein. Für seine Gegner war die Rawlssche Gerechtigkeitstheorie eine, wie John Gray in einer Rezension des „Times Literary Supplement“ schrieb, Philosophie der „Entleerung des politischen Lebens“, die angesichts der drückenden politischen Probleme der Gegenwart ins normative Arkadien des Rechts- und Moraluniversalismus flieht und für die dilemmatische Welt des Nicht-Idealen, für die Niederungen des Romulus untauglich ist.

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