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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : All die menschlichen Selbstverständlichkeiten

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Auch Raymond Geuss beteiligt sich an dieser Rettung der Politik vor der politischen Philosophie, bekämpft in seiner Streitschrift die Vorherrschaft des Neo-Kantianismus und damit des Typus der „Ethik hat Vorrang“-Theorie im Nachdenken über das politische Handeln und Urteilen. Damit der Philosophie ein theoretischer Zugriff auf die Politik gelingt, der Erkenntnis und Verstehen ermöglicht, anstatt die Wirklichkeit in den moralischen Dualismus des Guten und Schlechten zu zwingen, muss seines Erachtens viererlei bedacht werden. Zum einen, da ist sich Geuss mit Machiavelli einig, muss die Philosophie Mut zum Realismus aufbringen, die Menschen so nehmen, wie sie sind, und nicht ihre moralischen Inkonsistenzen und kognitiven Unzulänglichkeiten hinter Reißbrettmodellen normativer Schlüssigkeit und vollkommener Rationalität verbergen.

Weiterhin, hier ist an die praxeologischen Politikkonzepte Hannah Arendts und Ernst Vollraths zu denken, muss sich die Philosophie darüber klarwerden, dass die Welt des Politischen keine Welt der Überzeugungen und Auffassungen, sondern eine Welt des Handelns ist, das in ein Geflecht von Voraussetzungen, Folgen und Nebenfolgen eingebettet ist.

Daher ist es auch illusionär, so der dritte Punkt, die Welt der Politik als Anwendungsgebiet zeitlos gültiger Problemstellungen und Lösungsmuster anzusehen. Wer als Politiker dieser Illusion anhing, dem pflegte Konrad Adenauer entgegenzuhalten: Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen! Alles kann nur aus seiner geschichtlichen Verortung angemessen begriffen werden. Daher ist es auch irrig, die politische Philosophie als Behandlung ewiger Fragen zu betrachten. Derartiges gibt es in der politischen Philosophie nicht.

Und weil das Politikbetreiben ein Handwerk, eine Kunst ist, ist auch viertens davon Abstand zu nehmen, sich Politik nach dem Modell der Theorieanwendung verständlich zu machen. Schon Aristoteles hat das gegen Platons theorielastiges Politikkonzept vorgebracht. Was Geuss hier zusammenträgt, ist ersichtlich nicht neu. Es sind all die menschlichen Selbstverständlichkeiten, die übrigbleiben, wenn die politische Philosophie einer Kritik unterworfen wird, die ihre normative und theoretische Überschwänglichkeit zurückschneidet. Was bleibt aber von der Philosophie selbst übrig, der Modellbastelei und Levitation ins Idealische gleichermaßen ausgetrieben wird, die so nah an die Realität herangeführt wird, dass ihr mangels begrifflichem Abstand nur bleibt, diese im sprachlichen Abbild zu verdoppeln?

Die gesamte politische Philosophie muss ihm keineswegs folgen

Als Kant die reine Vernunft der Kritik unterwarf, war es nicht mehr möglich, eine Metaphysik der großen Gegenstände Gott, Seele und Welt zu betreiben, aber immerhin konnte das Unternehmen der Vernunfterkenntnis im Gewand einer Theorie der nicht-empirischen Bedingungen der Erfahrung gerettet werden. Die Kritik der politischen Philosophie von Geuss hingegen nimmt dieser alles Philosophieeigentümliche, lässt keinen Unterschied zwischen politischer Philosophie und politischer Theorie erkennen.

Der Hauptfehler dieser intellektuell süffigen Streitschrift ist ihr Absolutheitsanspruch. Raymond Geuss mag ja den Weg vom Neo-Kantianismus zum Neo-Leninismus einschlagen und die Strukturen der realen Macht untersuchen. Aber die gesamte politische Philosophie muss ihm keineswegs folgen. Die Idealisten besitzen nicht das Sinnmonopol, die Realisten aber auch nicht. Warum sollte es nicht weiterhin eine legitime, lohnende und für die rationale Qualität der gesellschaftlichen Selbstverständigungsdiskurs zudem nützliche Aufgabe der politischen Philosophie sein, über Legitimationsprobleme, Demokratiemodelle und unterschiedliche Freiheits- und Gerechtigkeitskonzepte nachzudenken?

Wolfgang Kersting

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