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F.A.Z.-Romane der Woche : Warum nur können die Engländer nicht ernsthaft ernst sein?

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Bild: Kiepenheuer & Witsch

Julian Barnes bittet um weniger britischen Humor, Stefan Zweig empfiehlt Abstinenz, Sarah Kuttner wird einfach nicht erwachsen: Die F.A.Z.-Romane der Woche.

          Julian Barnes bittet um weniger britischen Humor, Stefan Zweig empfiehlt Abstinenz, Sarah Kuttner wird einfach nicht erwachsen, und bei Volker Braun wollen Bergarbeiter mehr Kohle: Die F.A.Z.-Romane der Woche.

          Eines der herausragenden Werke dieser Saison erreicht uns erst spät im Jahr – und dass auch nur, weil es Ende Oktober mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, sonst hätte man sich wohl bis zum Frühjahr Zeit gelassen mit der Übersetzung von „The Sense of an Ending“, dem neuen Buch von Julian Barnes. Nachdem sich der englische Autor bereits in „Nichts, was man fürchten müsste“ (2010) intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt hat, wendet er sich hier der Frage zu, wie viel von unserer Erinnerung im Grunde Selbsttäuschung ist, wie viel Menschen voneinander wissen können und welche Verantwortung ihnen mit diesem Wissen übertragen wird.

          „Vom Ende einer Geschichte“, wie der Roman, der eigentlich eine Novelle ist, im Deutschen heißt, ist mit 180 Seiten ein eher schmales Werk, aber eines, in dem jeder Satz, jedes Wort auf die Goldwaage von Aussage und Form gelegt wurde. Die Hochspannung, die von ihm ausgeht, verdankt sich nicht allein Barnes’ perfektem Aufbau der Geschichte, sondern ihrem psychologischen, emotionalen und moralischen Nachhall. Was hier erzählt wird, ist das Kondensat eines Lebens, das ohne größere Amplituden geführt wurde und auf das sein Protagonist doch nur voll Reue, Wehmut und Scham zurückblicken kann.

          Zwei Selbstmorde markieren den auf Sicherheit und Schadensvermeidung geeichten Lebenstrott von Anthony Webster, genannt Tony. Der erste wird von einem Schulkameraden in der Oberstufe begangen, offenbar weil dieser ein Mädchen geschwängert hat: im engen, verklemmten Großbritannien der sechziger Jahre kein geringes Problem. Sein Abschiedsbrief bestand aus dem Satz „Tut mir leid, Mama.“ Die Tragödie beschäftigt Tony und seine Freunde Alex und Colin, wie das Schulskandale eben so tun – zumal er einen gewaltigen sexuellen Erfahrungsabstand zwischen ihnen und dem gleichaltrigen Toten offenbart. Der Einzige, der sich intensiver mit dem Ereignis auseinandersetzt, ist der Vierte im Bunde, Adrian Finn. Adrian ist hochintelligent und zurückhaltend, er biedert sich bei niemandem an und wird doch von allen bewundert.

          Die drei buhlen um seine Anerkennung, doch ein gewisser Abstand bleibt unausgesprochen bestehen – vielleicht weil Adrian selbst schon tiefes Unglück erfahren hat, als seine Mutter die Familie verließ. Doch die Jungs sind in einem Alter, da sich nur pseudointellektuell über die Dinge des Lebens reden lässt: „Ja, natürlich waren wir prätentiös – wozu ist die Jugend sonst da?“
          Der zweite Selbstmord ereignet sich einige Jahre später, als Tony mit der Universität fertig ist und nach einem längeren Amerika-Aufenthalt erfährt, dass Adrian sich umgebracht hat. Über die genauen Umstände ist nichts zu erfahren; nur dass er sich im Bad die Pulsadern aufgeschnitten und für seine Mitbewohner einen Zettel an die Tür geklebt hat: „Nicht reinkommen – Polizei rufen – Adrian“.

          Über den beschädigten Menschen

          Tonys letzter Kontakt mit dem Freund hatte einen heiklen Grund: Adrian hatte ihm mitgeteilt, dass er mit jener Veronica zusammen sei, Tonys früherer Freundin. Tony ist von seiner ersten Beziehung nicht viel mehr geblieben als die Erinnerung an ein merkwürdiges Wochenende im Haus von Veronicas Eltern und an monatelange sexuelle Frustration über ihre Weigerung, „es“ mit ihm zu tun. In seinem Brief schreibt Adrian, dass er hoffe, Tony könne das Paar verstehen und akzeptieren. Doch daran, wie bitter und verletzend seine Antwort ausgefallen ist, erinnert Tony sich schon nicht mehr, als er ein gutes halbes Jahr später vom Selbstmord seines Freundes und Nachfolgers erfährt – geschweige denn knapp vierzig Jahre danach. Nach einer Beamtenkarriere in der Kulturverwaltung, einer gütlichen Scheidung und einem freundlich-distanzierten Verhältnis zu Tochter, Schwiegersohn und Enkeln erhält er ein notarielles Schreiben: Veronicas Mutter ist gestorben und hat dem verblüfften Tony fünfhundert Pfund und ein Dokument vererbt, nämlich Adrians Tagebuch seiner letzten Monate – doch wie sich herausstellt, befindet sich dieses im Besitz von Veronica. Längst vergangen geglaubte Ereignisse kehren damit zurück.

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