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F.A.Z.-Romane der Woche : Totenwache einer Überlebenden

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Bild: Ullstein

Joan Didion schreibt das Requiem einer Mutter, Olga Grjasnowa liefert ein fulminantes Debüt, Severin Perrig zeigt die Arbeitsplätze großer Dichter und gleich zwei Bücher nähern sich Franz Kafka.

          Joan Didion schreibt das Requiem einer Mutter, Olga Grjasnowa liefert ein fulminantes Debüt, Severin Perrig zeigt die Arbeitsplätze großer Dichter und gleich zwei Bücher nähern sich Franz Kafka.

          Schicksalsschläge wie der Verlust eines geliebten Menschen können tödlich sein. Als Hugo von Hofmannsthal zur Beerdigung seines Sohnes aufbrach, der sich mit nur sechsundzwanzig Jahren erschossen hatte, erreichte der Vater die Trauergesellschaft nie. Noch im Haus erlitt der Fünfundfünfzigjährige einen Schlaganfall, an dem er wenig später starb. Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion, die kurz hintereinander erst ihren Mann und dann ihre Tochter verlor, ist daher so etwas wie eine Überlebende. Sie, die den Tod ihr Leben lang erfolgreich verdrängt hatte, wie sie bekennt, fürchtete sich plötzlich nicht mehr davor, selbst zu sterben - sondern nur noch davor, nicht zu sterben.

          Bricht der Tod in eine Familie ein, ist das der Augenblick, der das Leben trennt in ein Davor und ein Danach. Doch obwohl diese Erfahrung universell ist, bleiben Trauernde oft allein mit ihrem Leid. Kaum jemand spricht, kaum einer schreibt darüber. Dabei ist das Sterben in der Gesellschaft, ein seltsames Paradox, sichtbar wie nie - man denke nur an die Kollektivtrauer um Robert Enke, den Erfolg der morbiden Fernsehserie „Six Feet Under“ oder das Interesse an der Selbstauskunft des todkranken Christoph Schlingensief. So öffentlich das Sterben geworden ist, Trauer bleibt privat.

          Auch deshalb hat Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“ (2006) so viele Menschen bewegt. Darin schreibt sie in unverwechselbarer Mischung aus Erinnerung, Analyse und Trauerarbeit radikal offen und dabei doch diskret über den Tod ihres Mannes, mit dem sie fast vierzig Jahre zusammenlebte und -arbeitete. Entstanden war das Buch aus dem Bedürfnis, den Erschütterungen standzuhalten. Denn zur gleichen Zeit lag ihre einzige Tochter Quintana im Krankenhaus. Eine Grippe hatte einen septischen Schock ausgelöst. Mehr als ein Jahr verbrachte Quintana auf verschiedenen Intensivstationen, bevor sie nach mehreren Operationen im August 2005 mit nur neununddreißig Jahren starb. „Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich erdenken, als sterben zu sehen die Kinder?“, zitiert Joan Didion Euripides, um selbst noch einen schmerzlichen Schritt weiterzudenken: Wenn wir von Sterblichkeit reden, reden wir von unseren Kindern.“

          Die Vergeblichkeit führt zu Hoffnungsverweigerung

          Joan Didions besondere Begabung als Chronistin Amerikas lag seit ihren Anfängen in den Sechzigern bei der „Vogue“ in ihrer einzigartigen Verschränkung aus Betrachtung und Reflexion, Sinnlichkeit und Klarsicht. So hält es die Siebenundsiebzigjährige auch in „Blaue Stunden“: Weder Roman noch Autobiographie, noch reiner Essay, erfüllt das Buch nach Art eines literarischen Exerzitiums fast die Funktion, die früher die Totenwache hatte. „Blaue Stunden“ nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise ganz eigener Chronologie. Didion ergeht sich nicht etwa in peinigenden Details über das qualvolle Sterben ihrer Tochter. Hier schreibt eine Mutter, die keine mehr ist, die sich an ihr Kind erinnert, das nicht mehr lebt.

          Quintana ist ein kleines Mädchen, als die Familie Didion-Dunne ins kalifornische Malibu zieht, in ein Haus am Pazifikstrand. Die vielbeschäftigten Eltern schreiben nicht mehr nur Romane und Zeitungskolumnen, sondern inzwischen auch Drehbücher. Man verkehrt mit den Berühmtheiten Hollywoods. Quintanas Kindheit ist das, was man privilegiert nennt. Im Schrank hängen Dutzende Designerkleidchen, bei Konzerten berühmter Rockbands sitzt sie auf der Bühne im Eck, auf Reisen nach Paris, Saint-Tropez oder New York steigt die Familie in den besten Hotels ab. Die Fünfjährige weiß, was sie tun muss, damit der Zimmerservice ihr den Kindercocktail Shirley Temple bringt.

          Joan Didion kramt in Schubladen und schaut die alten Bilder an, auf der Suche nach einem Sinn, einer vielleicht heimlichen Bedeutung, die sich erst im Rückblick erschließen ließe - vergeblich. Aus dieser Vergeblichkeit speist sich Didions Hoffnungsverweigerung. Die Fotografien dokumentieren zwar glückliche Tage Anfang der Siebziger: Quintana mit flachsblondem Haar und karierter Uniform marschiert fröhlich zur Schule; der erste Milchzahn wackelt; auf Gartenpartys stehen Frauen in Chanel-Kostümen und rauchen David- Webb-Zigaretten. Doch da fällt Didion der Zettel mit „Mamas Sprüchen“ ein, den ihre Tochter eines Tages in der Garage aufhängte: „Putz dir die Zähne, kämm deine Haare und sei still, ich arbeite.“ Die vergilbenden Dokumente lachender sonnengebräunter Menschen erweisen sich als unzuverlässige Zeugen.

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