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F.A.Z.-Romane der Woche : Tiere, Tod und Tröstungen

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Gerbrand Bakker erzählt gleich doppelt von den Verlockungen des Landlebens und  Raymond Carvers Storyband „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ ist jetzt in der Originalfassung zu entdecken. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Es sind die einfachen Geschichten, die am schwersten zu erzählen sind. Der niederländische Romancier Gerbrand Bakker, viel gerühmt für seinen im bäuerlichen Milieu spielenden Desillusionierungsroman „Oben ist es still“ (2006), erzählt in seinem neuen Buch „Der Umweg“ eine Geschichte vom Sterben, und er erzählt sie gut. Denn es gelingt ihm, den Leser erst sehr spät merken zu lassen, dass er in den Sog einer Geschichte vom Sterben geraten ist, aus dem er sich nicht mehr wird befreien können. Der Tod nähert sich in diesem Text zunächst langsam und kaum merklich, am Ende aber ist er da: so ungeheuerlich und so selbstverständlich wie in jedem Leben.

          Eine Frau, noch in den Dreißigern, verlässt ohne jede Ankündigung ihren Mann und fährt unter Tilgung aller Spuren von Amsterdam nach Wales, wo sie ein einsam gelegenes Farmhaus mietet; wenige Tage zuvor hat sie ihrem Mann mitgeteilt, dass sie nach eine Affäre mit einem Studenten von ihrer Universität als Dozentin für Anglistik entlassen worden ist. In der walisischen Einsamkeit will sie an ihrer lange aufgeschobenen Dissertation über die große amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson - und zwar über deren misslungene Gedichte! - arbeiten und nennt sich deshalb, in Form einer ironischen Identifikation, selbst Emily, obwohl ihr wahrer Name Agnes lautet.

          Zum Sterben in die Einsamkeit

          Das könnte anmuten wie eine nach der Schablone konstruierte Geschichte weiblicher Selbstfindung und Selbstverwirklichung, zumal die Frau es liebt, nackt in Teiche zu steigen oder sich auf großen Steinen der Sonne auszusetzen, so dass sie sich schon bald gegen die Avancen eines benachbarten Schafzüchters zur Wehr setzen muss. Dann holt sie sich einen plötzlich auf ihrem Grundstück erscheinenden jungen Mann als Mitbewohner ins Haus, dessen Alter dem des Studenten entspricht, der das Ende ihrer Universitätslaufbahn herbeigeführt hat. Und, ja, irgendwann teilen die beiden auch das Bett.

          Während der Leser aber die Geschichte einer behutsamen erotischen Annäherung und vielleicht sogar Befreiung zu lesen meint, liest er in Wahrheit eine Geschichte über den Tod. Bakkers Erzählstrategie entspricht damit derjenigen der Patienten des walisischen Arztes, den die Frau zu Beginn des Romans aufsucht, weil sie von einem Dachs gebissen worden ist: „Wenn hier jemand zum Beispiel wegen eines Holzsplitters im Auge zum Arzt geht, dann ist das nicht der eigentliche Grund. Nur ein Vorwand, und dann kommt man ganz beiläufig auf die hartnäckigeren Wehwehchen zu sprechen.“ Mit derselben Beiläufigkeit streut der Erzähler Signale für die Präsenz des Todes in der ländlichen Beschaulichkeit - dass die Gänse auf dem Gelände der Frau Zug um Zug vom Fuchs geholt werden, ist noch das aufdringlichste darunter -, bis der Leser ahnt und schließlich weiß, dass die Frau sich nicht zur Bewältigung einer ehelichen Krise, sondern zum Sterben in die Einsamkeit zurückgezogen hat: zu einer Selbstfindung in der Unausweichlichkeit des Todes. Als sie von ihrer tödlichen Erkrankung erfuhr, war sie „einfach nur fortgegangen. Wie eine alte Katze, die in Ruhe gelassen werden will.“ Dies war es, was ihr Onkel über die Katzen erzählt hatte: „Wenn sie weg sind, sind sie tot“.

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