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F.A.Z.-Romane der Woche : Produziert ihr Kälte, ich produzier’ Wärme

  • Aktualisiert am

Bild: Verlag

Martin Walser bündelt in „Muttersohn“ die Themen seines Lebens, Alice Munro schreibt nahe am Herzstillstand und Clemens J. Setz liest „The Pale King“ von David Foster Wallace.

          5 Min.

          Es ist nie alles gesagt. Doch ab und zu erscheint ein Buch, das es zumindest versucht, das die Wesenssumme seines Autors zieht – im vollen Bewusstsein, dass sich dieser, seit er das Werk vollendet hat, schon wieder weiterbewegt, sich abermals verändert und weiter mit Leben, mit Stimmungen, Gedanken, Wissen angereichert haben wird. So ein Buch ist „Muttersohn“, der in der kommenden Woche erscheinende neue Roman von Martin Walser: der Abguss einer quicklebendigen Skulptur.

          Wohl kein anderer deutscher Autor der Gegenwart hat sich so oft selbst das Fell über die Ohren gezogen und ist dabei so unverwechselbar er selbst geblieben: eins und doppelt, Umriss und Schatten. In „Muttersohn“ bündelt Walser nun all seine großen Themen, und das mit einem Intensitäts- und Identifikationsfuror sowie einer Sprachenergie, die alles tut, um die ihn schreckende Kategorie Alterswerk zu sprengen.

          Es ist ein Hauptwerk voller Hauptfiguren. Wie bei Walser gewohnt sind schon deren Namen Schlüssel. Der „Muttersohn“, dessen Evangelium hier erzählt wird, ist Anton Parcival Schlugen, genannt Percy, einziger Sohn von Josefine, genannt Fini. Ein Mann war für seine Geburt im Jahr 1977 nicht nötig: So hat Fini es Percy gesagt, und der Sohn hat den Glauben der Mutter zu seinem eigenen gemacht. Zum Glauben begabt wie andere zur Musik, sind ihm Zweifel fremd: „Ich bin ein Echo und weiß nicht, von was.“

          Die souveränste Figur des Romans

          Von der Liebe Finis in Einzigartigkeit gebadet und von wundersamen Ereignissen bestätigt, ist Percy beseelt von einem „Zu-viel-Gefühl“, das er teilen und mitteilen will. Der „Engel ohne Flügel“, als der er sich begreift, ist gelernter Krankenpfleger, seine Heilmethode eine das Gegenüber umfassend bestätigende Anwesenheit. Der Bejahte gibt die Zustimmung, die ihn einhüllt, an andere weiter. Die Wirkung ist enorm: „Du bist die Erleichterung“, wie es einer ausdrückt. Percy hingegen nennt es messianisch: „Ich sage nicht, was ich weiß. Ich sage, was ich bin.“

          Der Roman setzt ein mit Percys Rückkehr ans Psychiatrische Landeskrankenhaus Scherblingen, das der gleichnamigen Abtei angegliedert ist. Patres, Patienten und Angestellte sind dort nicht unbedingt voneinander zu scheiden; schließlich neigt die Medizin ebenso zum Wahn wie der Glaube. Hier in der schönen Bodenseeregion wurde Percy einst ausgebildet von Professor Augustin Feinlein, hier ist er aufgrund seiner unkonventionellen Heilungserfolge ein Star. Nun hat Feinlein ihn bei einem besonders schweren Fall zu Hilfe geholt: ein Selbstmordkandidat, an den kein Herankommen ist. Sein Name ist Ewald Kainz, und wie sich herausstellt, hat Percy seit Jahren darauf gewartet, genau diesem Mann seine Geschichte zu erzählen, die in erster Linie die der Herkunft und der Josefs-Ehe seiner Mutter Fini ist, der souveränsten Figur dieses Romans.

          Wiedersehen mit Professor Feinlein

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