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F.A.Z.-Romane der Woche : Made in China

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Silke Scheuermann erhebt die Megametropole Shanghai zur Romanheldin, Philip Roth gibt Antworten auf die Frage nach Gott und Thomas Glavinic hört einem Paranoiker zu, der sich von einer Serienmörderin verfolgt sieht. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          4 Min.

          Schanghai zwingt jeden in die Knie. Wer in jüngster Zeit einmal dort gewesen ist, hat diesen Sog am eigenen Leib gespürt. Diese Stadt ist eine einzige Fortschrittsphantasmagorie aus Stein und Stahl. Sie raubt einem den Schlaf, sie ist der in Stein gehauene Größenwahn, denn Schanghai erschafft sich ununterbrochen neu, für zwanzig, dreißig, vierzig Millionen Menschen, und jeden Morgen hat die Stadt ein neues Antlitz, weil sie nachts nicht schläft, sondern in die Höhe schießt, so schnell, dass man meint, beim Häuserwachsen zusehen zu können.

          Auch die junge Kunsthistorikerin Luisa aus Frankfurt wird von ihren ersten rauschhaften Momenten in der Stadt erschüttert. Sie ist zusammen mit Margot Winkraft als Assistentin dieser berühmten deutschen Künstlerin nach Asien gereist. „Hinter der Bebauung war immer noch mehr Bebauung“, sinniert Luisa, als sie von einer Bar hoch oben in einem Hochhaus hinabschaut auf den Huangpu, der wie ein tiefblaues, fast schwarzes Glitzerband unter ihr liegt. Dass ganze Stadtteile Schanghais ausgelöscht werden ohne ein Moment des Bedauerns, weil sich die Mächtigen hier der Zukunft versprochen haben - dieser „stumme Kampf“ gegen das Gestern beeindruckt die junge Deutsche, „man kann ihm zusehen wie einem Spielfilm“.

          Allzu menschliches Lehrstück

          Wie ein mitreißender Film liest sich auch der neue Roman von Silke Scheuermann, die 2008 einige Monate in der asiatischen Millionenmtropole verbracht hat. In „Shanghai Performance“ erzählt sie mitleidlos und aus kühl-ironischer Distanz von der tragischen Verstrickung zweier Frauen, eben Luisa und Margot, die in Schanghai eskaliert. Im Kern geht es um eine Frage, die freilich an jedem Ort der Welt spielen könnte, nämlich die, welches Opfer ein Mensch, genauer: eine Künstlerin, für ihr Werk bringen darf. Rechtfertigt der Dienst an der hehren Kunst menschliche Grausamkeit? Erzählt wird dies allzu menschliche Lehrstück aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Luisa. Zurück in Frankfurt erinnert sie sich an die schreckensvollen Ereignisse, von denen sie sich längst nicht erholt hat. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen.

          Luisa war allenfalls skeptisch, als die vergötterte Margot, über die sie schon ihre Doktorarbeit geschrieben hatte und die mit Models auf der ganzen Welt arbeitete, beschloss, ausgerechnet das Angebot einer unbekannten Galerie in Schanghai anzunehmen. Luisa kann dem Projekt nicht viel abgewinnen, zumal China in ihren Augen als Kunstmarkt längst wieder passé ist. In der chinesischen Galeristin wähnt die junge Deutsche gar Konkurrenz. Doch als Margot, ein fast schon zwanghafter Kontrollfreak, sich in Schanghai von Tag zu Tag seltsamer verhält, kann Luisa das bald nicht mehr bloß mit der Hitze und der Fremdheit der Stadt erklären.

          Unsere Welt der unbegrenzten Möglichkeiten

          Eine „Angestellte des Lichts“ - so nennt sich Margot selbst gern. Ausgerechnet in Schanghai aber wird sie in den dunkelsten Abgründe ihres Selbst gestoßen. Denn hier trifft Margot ihre uneheliche und inzwischen erwachsene Tochter, die heute in der Stadt lebt. Winonas Vater, ein chinesischer Geschäftsmann, hatte Margot einst in Amerika getroffen - und ihn samt Baby bald wieder verlassen, um sich als upcoming star der internationalen Kunstszene ganz auf ihr Werk konzentrieren zu können

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