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F.A.Z.-Romane der Woche : Lieder über Paranoia und Entfremdung

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Bild: CAMERA PRESS/Clara Molden / Tele

Amerikas neuer Star Jennifer Egan hebt die Grenzen der Zeit auf, Marion Brasch erzählt eine fabelhafte Familiengeschichte und Jens Sparschuh sucht zwanghaft nach Ordnung: die F.A.Z.-Romane der Woche.

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          Amerikas neuer Superstar Jennifer Egan hebt die Grenzen der Zeit auf, Marion Brasch erzählt eine fabelhafte Familiengeschichte und Jens Sparschuh sucht zwanghaft nach Ordnung: dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Dieses Buch zu lesen ist ein seltsames Wunder; es zu rezensieren aber ein Albtraum. Fangen wir also damit an, was die Sache schwierig macht. Jennifer Egans Roman „Der größere Teil der Welt“ lässt sich praktisch nicht zusammenfassen. Bestehend aus zwei Teilen, „A“ und „B“, die man sich vielleicht am besten als die beiden Seiten einer Vinylschallplatte vorstellt, und mit dreizehn Kapiteltracks, von denen wiederum zwei mehrere Untertitel haben und jeder eine andere Erzählstimme aufbietet, berichtet er ohne Rücksicht auf Chronologie von den frühen Siebzigern bis in die nahe Zukunft von einem guten Dutzend Personen. Diese stehen zwar alle in irgendeiner Verbindung miteinander, ahnen davon aber oft nichts - ähnlich wie beim Small-World-Projekt „Six Degrees of Separation“, das zu Beginn des Internetzeitalters beweisen wollte, dass jeder Mensch nur maximal sechs Kontakt-Ecken von jedem anderen auf der Welt entfernt ist. Eines der Kunststücke Jennifer Egans besteht darin, diesen Aha-Effekt, aus dem Facebook eine der größten Geschäftsideen unserer Zeit gemacht hat, mit den ureigenen Mitteln der Literatur zu erzeugen.

          Der Roman spielt im exzentrischen Milieu der amerikanischen Musikindustrie, die ihre besten Jahre hinter sich lässt. Er erzählt von Musikern, Produzenten, Assistenten, Groupies und PR-Leuten, von verstörten, unsicheren Teenagern und deren späteren Ausgaben als spleenige, kaputte und nach wie vor unsichere Erwachsene. Er handelt von der Sehnsucht danach, einen eigenen Platz im Leben einzunehmen, und von der Schwierigkeit, sich dann mit ihm abzufinden. Er fragt nach den Möglichkeiten, sich in einer vollständig technologisierten Welt noch sinnlich zurechtzufinden. Es geht um die Zerbrechlichkeit von Gefühlen, Beziehungen, Lebensläufen. Vor allem aber um die Fragmentierung durch die Zeit, jene „Goon Squad“ oder auch Schlägerbande, die keinen ungeschoren davonkommen lässt.

          Ein Blick wie aus einer anderen Galaxie

          „A Visit from the Goon Squad“ heißt Jennifer Egans Roman im amerikanischen Original, und es bringt wenig, darauf herumzureiten, wie brav und verwechselbar sich daneben der deutsche Titel „Der größere Teil der Welt“ ausnimmt. Die Journalistin und Schriftstellerin Jennifer Egan, die in diesem Jahr fünfzig wird, hat bereits drei ausgezeichnete Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, die alle auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Trotzdem ist dieses Werk, für das sie im vergangenen Jahr unter anderem den Pulitzer-Preis erhielt (womit sie über Jonathan Franzens „Freiheit“ triumphierte), ihr Durchbruch - und das nicht nur, weil das Werk in Amerika zum Bestseller wurde, verfilmt werden soll und Übersetzungen in fast dreißig Ländern erscheinen. Vielmehr hat die Abenteuerin Egan zwar schon früher mit neuen Formen und Themen experimentiert, doch noch nie wirkte dieser Drang nach einer Schreibweise, deren Vielseitigkeit den Komplexitäten der Realität entsprechen könnte, so wenig artifiziell, so wenig gewollt wie hier. Denn die disparaten Einzelteile dieses Konzeptromans aus dreizehn Stories fügen sich zu einer verblüffend eleganten Gesamtkomposition: „Der größere Teil der Welt“ ist eine schrille Kakophonie von der erhebenden Schönheit eines Oratoriums.

          Ihre Inspirationsquellen für den Roman seien Prousts „Recherche“ und „The Sopranos“, die Fernsehserie um einen angeschlagenen Mafiaboss in New Jersey, hat Jennifer Egan einmal erzählt. Während ihr Buch, das wie aus einer anderen Galaxie auf die Postmoderne schaut, bereits als literarische Avantgarde von der epochalen Wirkung eines „Tristam Shandy“ gewürdigt wird, haben für die einzelnen Kapitel eher Pioniere wie Vladimir Nabokov und David Bowie, Led Zeppelin und David Foster Wallace Pate gestanden.

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