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F.A.Z.-Romane der Woche : Landschaften blühen hier nicht

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Bild: Verlag

Walter Kempowski zeigt Größe, John Updike folgt der Maserung eines großen, menschenfreundlichen Lebenswerks und Kathrin Schmidt zeigt Lakonie und Sprachkraft.

          4 Min.

          Von Hans-Jürgen Schings

          Auf engstem Raum und mit unerbittlicher Konsequenz so viel Unheil wie möglich anzurichten, das ist die Sache der literarischen Kurzgeschichte. So jedenfalls will es ihre schwarze Variante und deren grandioser Patron Ambrose Bierce, dessen unvergleichliche Katastrophen blitzartig dafür sorgen, dass dem Leser Sehen und Hören vergeht. Benötigt werden dazu die Qualitäten der Moralisten, eine gehörige Portion Pessimismus und formaler wie intellektueller Witz. Da beides nicht leicht zu haben ist, muss man sich meist mit glimpflicheren Versionen begnügen.

          Kathrin Schmidt verfügt über das erforderliche Rüstzeug und gehört deshalb in die Gattungslinie der strengen Observanz. Schade deshalb, dass sie ihre Kurzgeschichten ein wenig kompromisslerisch als „Erzählungen“ tarnt. Tatsächlich genügen ihr durchweg sechs bis acht Seiten, um eine Geschichte in Gang und zum vorwiegend bösen, immer aber frappierenden Ende zu bringen.

          Lockerungsübungen

          Katastrophen liegen ihr, doch nicht immer muss es katastrophal zugehen. So werden Etüden eingestreut, in denen der Witz proverbial wird und ganzen Sprichwörtern zur Anschauung verhilft. Wie die Katze um den heißen Brei schleicht – so wirbt hier ein Jüngling um eine Pizzeria-Schöne, bis er die Umworbene mit dem „Katzenspeck“ nach Hause führen und dafür die Katze aus seinem Hausflur verschwinden kann („Heißer Brei“). Auch wie man sich jemanden „vorknöpft“, kann man ganz wörtlich nehmen („Ein Tag, ein Knopf“), desgleichen die Metapher „bestricken“, wenn man eine Strickmaschine, einen „Ganzkörperstrampler“ und einen anfangs entsetzten Ehemann zur Hilfe nimmt („Am roten Faden“).

          Auch sonst macht sich gern sprachspielerischer Spaß geltend. Dass Frau Ypsi und der vietnamesische Herr Lon in der gleichnamigen Geschichte aufgrund einer noch so zufällig aufgefischten Heiratsannonce zueinander und ihr Glück finden, verdanken sie natürlich ihren Namen. Auch kommt es vor, dass vermeintlich schlimme Befunde ins Gegenteil verkehrt werden – während besorgte Nachbarn regelmäßig das Weinen einer vereinsamten Frau an deren „Weintag“ zu vernehmen glauben, trainiert die gezielt für einen „Lachklub“ („Warum weinen Sie mittwochs?“). Nicht immer trifft also das Schlimmste zu. Zu den lustigen Einsprengseln gehören auch manche Sprachgewitztheiten, darunter die Vorliebe für das semantische Zeugma, seit Jean Paul eine Lieblingsfigur der Humoristen: „Sein Geld war ausgegangen. Bis dahin auch er, sehr oft mit seiner Frau, nur, dass sie immer wieder heimkehrten in ihre kleine Altneubauwohnung.“ Doch das sind Lockerungsübungen, die für Abwechslung sorgen. Dem Trend von Kathrin Schmidts Erzählungen können sie wenig anhaben.

          Depressiver Untergrund

          Der trägt die Farbe Grau, überzieht die Welt dieser Geschichten wie mit einem Schleier und ist zuständig für einen Pessimismus, mit dem sich nicht mehr scherzen lässt. Licht und Farben, schönes Wetter oder die Sonne kommen nicht vor, Landschaften selten, blühende schon gar nicht; die Welt ist eng und östlich; Kreuzberg gilt als exotisch-verworfener Platz, die einzige Erzählung, die im Süden spielt, leidet an der Hitze dort; ansonsten Wohnkombinate, Gartenkolonien, Reihenhäuser, Vorstadtsiedlungen, sich aufrappelnde Kleinstädte („Anklam“), ein schattenhaftes Ambiente mit dem dazu passenden Personal. Es dominieren Frauen im Alter zwischen etwa vierzig und sechzig; die jüngeren bilden die Ausnahme, und die älteren sind noch schlimmer dran, eine wahnsinnige Großmutter etwa, ekelhaft, stinkend; ferner Obdachlose, Verwahrloste, Asylanten. Einer der Männer trägt durchgehend den schönen Namen „Grund ihres Wunsches, die Welt zu verlassen“. Die Frauen, oft dezent schriftstellernd tätig, sonst in der Regel arbeitslos, leiden an ihren Familien, an den Kindern, die sie, wenn sie Chloe und Phoenix heißen, „meine Ösen“ nennen, am Einkaufen („Kartoffeln und Klopapier“) und Haushalten. Man erfährt, was sie aus ihren Kühlschränken holen und zubereiten. Ihre Geschichten spielen an Geburtstagen, an „Niemandstagen“ (wo die familiären Pflichten suspendiert sind), auf Ausflügen. Stets bringen sie ganze Biographien „auf den Punkt“, nicht selten mit jähem und tödlichem Ende. „Du stirbst nicht“ (2009) lautet der Titel des eindrucksvollen und hochdekorierten Roman-Protokolls von der Genesung nach schwerem Zusammenbruch, das Kathrin Schmidt einem größeren Publikum bekannt gemacht hat. „Du stirbst“ ist die Devise ihres neuen Bandes; sie gehört zur schwarzen short story und entsteigt einem depressiven Untergrund.

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