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F.A.Z.-Romane der Woche : Kaskaden von immer neuen Fragen

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Bild: F.A.Z.

Warum Iris Hanikas Protagonistin von ihrem Geliebten nicht loskommt, wie Michail Schischkin Kriegsroman und Lovestory verbindet und was Frösche mit Arbeitslosigkeit zu tun haben erfahren sie in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

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          Warum Iris Hanikas Protagonistin von ihrem Geliebten nicht loskommt, wie Michail Schischkin Kriegsroman und Lovestory verbindet und was Frösche mit Arbeitslosigkeit zu tun haben, dies und mehr erfahren Sie in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Lassen sich Bücher wie Pflanzen züchten? Etwa auf der Grundlage Mendelscher Gesetze? Die Familienähnlichkeit von Iris Hanikas drei bislang erschienenen Romanen legt diesen Gedanken nahe. Hanikas Debüt „Treffen sich zwei“ erzählte eine Liebesgeschichte, wie sie gegenwärtiger nicht sein konnte. In „Das Eigentliche“ erprobte die Autorin einen waghalsigen Grenzgang entlang der deutschen Gedächtniskultur. Kreuzt man beide Romane, ermendelt sich ein Liebesgedächtnishybrid: Hanikas dritter Roman „Tanzen auf Beton“ besteht aus Erinnerungen an eine längst vergangene Liebe.

          Hauptfigur ist eine knapp fünfzig Jahre alte, namenlose Ich-Erzählerin, die vom Dichterberuf bis zum Geburtsjahr auffällig viele Eigenschaften mit ihrer Autorin teilt. Autobiographische Spuren zu legen hat schon deshalb seinen Reiz, weil Hanika eine befremdliche Liebesbeziehung entwirft: „Ich sah ihn nicht oft, wir hatten ein heimliches Verhältnis. Wir haben dann immer miteinander gevögelt, obwohl wir das eigentlich gar nicht können, also nicht miteinander. Wir haben wenig miteinander geredet, denn das können wir nun wirklich nicht, und das war viel klarer als die körperliche Inkompatibilität.“ Zwischen den beiden passt überhaupt nichts: „Länger als zwei Stunden halten wir uns nicht aus.“ Einem Verhältnis, das ausschließlich auf schlechtem Sex beruht, traut man wenig Dauer zu.

          Literarische Selbstenträtselung

          Hanikas Erzählerin aber bleibt - trotz mehrerer Unterbrechungen - zwanzig Jahre in dem Beziehungsgeflecht gefangen. Selbst als sie den Geliebten nicht mehr trifft, behauptet das Erlebte seinen Platz: „The memory of all that - No, no - they can’t take that away from me“ lautet das Motto des Buches. Da die Flucht vor sich selbst ausgeschlossen ist, fruchten die verschiedenen Ersatzdrogen nur bedingt: Reisen (Schanghai, Moskau, Sankt Petersburg, Frankfurt, Mainz und so weiter), Russophilie und Heavy Metal verdrängen die Erinnerung zeitweise. Auf Dauer hilft, sich dem Rätsel der eigenen Vergangenheit zu stellen. Zwei Jahre benötigt die Erzählerin, um das Geschehene zu begreifen und um eine Haltung zu finden, aus der sie berichten kann. Mit dem Schreibbeginn setzt der Roman ein.

          Den Hintergrund der literarischen Selbstenträtselung bildet Sophokles’ Ödipus-Drama. Formal, weil im Drama alle Ereignisse vor dem Einsatz der Handlung abgeschlossen sind. Das Schauspiel stellt zur Schau, wie Ödipus die schmerzliche Wahrheit von Vatermord und Mutterliebe enthüllt. Hanika übersetzt das analytische Drama in einen analytischen Roman. Thematisch, weil Ödipus, obwohl er das Menschenrätsel der Sphinx löst, sich bis zuletzt ein Rätsel bleibt.

          Kein Zurück hinter die Postmoderne

          Er stellt den Prototyp des Menschen dar, der alles versteht, außer sich selbst. Man kann dieses Faszinosum durch alle Künste verfolgen, bis hin zu Freud und Lacan, die Ödipus’ Prozess nachhaltig vom öffentlichen Gericht und aus dem Juristischen in das Intime und Psychologische verlagern. In der Antike endete die ödipale Nabelschau in Schuldspruch und Strafe. Später führte sie auf die Couch des Psychiaters. Bei Hanika mündet sie in den Schreibakt der weiblichen Protagonistin.

          Zu einem ambitionierten Gegenwartsroman avanciert „Tanzen auf Beton“, weil die Rückblicke sich mit subtilschnoddrigen Gedanken zur Einsamkeit, zum Älterwerden, zur sexuellen Unlust und zum Gefühl überlagern, irgendwie nicht mehr in Clubs wie ins Berghain zu gehören. Die Erzählerin nimmt die Aporien von Gedächtniskultur, romantischem Liebesmodell und Sprache in den Blick. Für sie gibt es kein Zurück hinter die Postmoderne. Aber anstatt in Jämmerlichkeit zu versinken, setzt sie dem Aporetischen ein „Dennoch“ entgegen: Wir wissen um die Problematik von Erinnerung, Liebe und Sprache. Wir erinnern, lieben, schreiben und sprechen aber doch. Erinnerungsarbeit bedeutet unter diesen Voraussetzungen, punktuelle Einsichten immer nur zu erlangen, indem sie Kaskaden neuer Fragen aufwerfen.

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