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F.A.Z.-Romane der Woche : Ein brennender Mann liest in seinem eigenen Licht

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Bild: F.A.Z.

A. L. Kennedy erzählt von zwei verirrten Forschungsreisenden der Seele, Clemens J. Setz bietet eine große Erzählung über fingierte Wirklichkeit, Hans Magnus Enzensberger analysiert die Gegenwart. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          A. L. Kennedy erzählt von zwei verirrten Forschungsreisenden der Seele, Clemens J. Setz bietet eine große Erzählung über fingierte Wirklichkeit und Hans Magnus Enzensberger analysiert die Gegenwart. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Dieses Buch ist ein Buch des Schreckens und der Liebe. Es ist ein Buch quälendster Erinnerungen und zartester Hoffnungen. Es ist ein Buch splitternder Knochen und berstender Herzen, ein Buch brutaler Wahrheiten, mitfühlender Täuschungen und gefährlicher Geschenke, und es erzählt von der einzigen menschlichen Sehnsucht, die niemals, ganz gleich, was geschieht, erfüllt werden kann, der Sehnsucht nach Unschuld.

          „Das blaue Buch“, der bislang sechste Roman der schottischen Schriftstellerin A.L. Kennedy, ist aber auch ein lebendes Wesen, wie die Autorin bereits auf der ersten Seite deutlich macht: „Es mag, wenn du es anschaust, dann erwacht es, dann hört es zu und spricht. Es wurde geschaffen, sich deiner Aufmerksamkeit zu erfreuen und sie zu erwidern: mit dem Klang, den es in dir auslöst. Es schenkt dir die Zeichen für die Gestalt der Namen der Gedanken in deinem Mund und deinem Geist, und da singen sie, hier, an dieser Stelle, wo ihr beide euch begegnet.“

          Unterwegs in die Vergangenheit

          Noch ist nicht klar, wer hier zu wem spricht, und es dauert eine Weile, bis der Leser die Figurenkonstellation entschlüsseln kann. Denn zunächst wirkt die Begegnung am Pier von Southampton, mit der kurz darauf die Rahmenhandlung beginnt, wie ein Zufall: Ein Mann spricht ein Paar an, Elizabeth und Derek, die in der Schlange vor ihm stehen, man wartet gemeinsam darauf, an Bord gehen zu können, plaudert ein wenig, taxiert einander, stellt insgeheim und spielerisch Vermutungen über das jeweilige Gegenüber an und trennt sich wieder. Erst später erfahren wir, dass der Fremde keineswegs ein Fremder ist und jedes seiner Worte einen geheimen Hintersinn hatte, formuliert in einem Code, den niemand kennt außer Elizabeth, die der Fremde zurückerobern will. Derek wird Elizabeth während der Überfahrt nach New York einen Heiratsantrag machen, aber Arthur ist der Mann, den sie liebt, von dem sie nicht lassen und mit dem sie nicht leben kann.

          Eine Dreiecksgeschichte also, angesiedelt in der klassisch-klaustrophobischen Abgeschlossenheit einer siebentägigen Schiffsüberfahrt ohne jede Fluchtmöglichkeit? Ja, und doch ist die Sache so einfach nicht. Die Atlantikpassage bildet nur den Rahmen, und in diesem ist Derek nur eine Randfigur, die rasch entsorgt wird: Er wird die meiste Zeit seekrank in der Kabine liegen und nicht ahnen, dass Beth ihn zwar scheinbar liebevoll umsorgt, ihm in Wirklichkeit aber die Medikamente, die ihm helfen könnten, vorenthält. So schafft sie ihn aus dem Weg. Mit einem billigen Trick.

          Und während Derek spuckt und schläft, schläft und spuckt, enthüllt A. L. Kennedy ganz allmählich, was Beth und Arthur eigentlich miteinander verbindet: Tricks, unglaubliche Tricks, die mehr sind als nur Tricks, und eine Liebesgeschichte, in der nicht nur die Lebenden ihre vertrackten Rollen spielen, sondern auch die Toten. Und so ist der Ozeandampfer nicht nur auf dem Weg von Southhampton nach New York, sondern auch unterwegs in die Vergangenheit, in das Reich der Träume und in den Hades.

          Gaukler, Hochstapler und Illusionisten

          Denn das ist die Illusion, die Beth und Arthur Jahre zuvor gemeinsam erschaffen und in unzähligen Sälen in der englischen Provinz ihrem Publikum vermittelt haben: dass sie mit den Toten sprechen und deren Botschaften an die Lebenden übermitteln können. Das Taschenspielerhafte an Arthur, das bei der ersten Begegnung am Pier auffiel, erhält nun nach und nach eine ganz andere Dimension. In verschiedenen Rückblenden, die mit den inneren, kursiv gedruckten Monologen von Beth verknüpft sind, zeigt A. L. Kennedy Arthur und Beth bei der Arbeit: wie sie ihre Vorstellungen geben und ihr Publikum hinters Licht führen.

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