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F.A.Z.-Romane der Woche : Die wahren und guten Dinge

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Bild: Archiv

Zum fünfzigsten Todestag erscheint Ernest Hemingways „Paris - Ein Fest fürs Leben“ erstmals in glänzend übersetzter Urfassung. Außerdem in den Romanen der Woche: Ingeborg Bachmanns satirische Hörfunkporträts und Martin Suters Kriminalfall im gehobenen Milieu.

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          Dieses Buch ist nicht nur ein herausragendes literarisches Werk, sondern auch ein Schlüsseltext zur Kulturgeschichte der Moderne. Das legendäre Paris der zwanziger Jahre mit seiner Kultur der amerikanischen Expats, denen der starke Dollar ein bequemes Leben der Bohème ermöglichte, ist in dieser Prosa zu besichtigen, wie in klaren Bernstein gebannt. Und es ist ein grandioses Porträt des Künstlers als jungen Mann. Gerade hat er die Poetik der radikalen Verknappung erfunden. Er bummelt die Seine entlang, sieht den Anglern zu, und immer arbeiten die Geschichten in ihm. In schön hemdsärmeligen Dialogen werden Fragen des Handwerks besprochen.

          Auf den Spuren Hamsuns inszeniert Hemingway seine Hungerjahre in der Großstadt. In Wahrheit waren seine Verhältnisse nicht ganz so ungesichert. Hadley, seine erste Frau, verfügte über Geldzuflüsse. Es war also keineswegs zwingend, dass sich das Paar beim ersten Parisaufenthalt in einer Art Slum einmietete. Später wohnten sie auf dem Hinterhof eines Sägewerks – und Hemingway ging zum Schreiben ins Café. Das Geld investierte er lieber in diverse sportliche Leidenschaften und Pferdewetten. Er boxt mit jedem, der es mit ihm aufnimmt, spielt Tennis mit Ezra Pound, firmiert als Leibwächter für den fragilen James Joyce. Beim Sport liebt er den Geruch von Schweiß und Tod.

          Lakonische Raffinesse

          Sei einfach, sei wahr – das ist Hemingways stilistisches Mantra. Wenn das mit der Wahrheit bloß immer so einfach wäre. Da schildert er Paris als brodelndes Laboratorium der Moderne – und findet für die eigene Tätigkeit nur Vergleiche aus biblischer Urzeit: „Ich hatte bereits gelernt, den Brunnen meines Schreibens nie zu erschöpfen, sondern stets aufzuhören, wenn im tiefen Teil des Brunnens noch etwas übrig war, und ihn über Nacht von den Quellen, die ihn speisten, wieder füllen zu lassen.“ Wenn das nicht von Hemingway wäre, könnte es auch von Coelho sein.

          Aber Hemingway ist kein dürrer Simplizitätsschreiber; anderswo findet man atemberaubende Metaphern und Vergleiche. Kriegskrüppel sitzen in den Cafés, und er sinniert über die Kunst der Gesichts-Chirurgie: „Ein in großem Umfang wiederhergestelltes Gesicht hatte immer etwas Schillerndes oder Glänzendes, fast so wie eine guteingefahrene Skipiste“ – das erinnert in der Übertragung von Detailwahrnehmungen in einen anderen Zusammenhang an das Verfahren Prousts, den er im Übrigen verachtet. Und nicht nur ihn. Über Ford Maddox Ford, den Kollegen und Förderer, heißt es: „Ford saß aufrecht wie ein großer keuchender Fisch und hatte einen Atem, der schlimmer stank als die Fontäne eines Wals.“

          Höhepunkt ist das über mehrere Kapitel gehende Porträt von Zelda und Scott Fitzgerald. Schon dessen erste Beschreibung ist herabsetzend, betont den „feinen“ Mund, „der bei einem Mädchen der Mund einer Schönheit gewesen wäre“, und die allzu kurzen Beine. Zelda wird als vergnügungssüchtige Frau geschildert, die aus Eifersucht ständig die Arbeit ihres Mannes sabotiert. Und dann kommt die ungeheuerliche Szene, in der Scott sich dem Alpha-Mann anvertraut: Zelda sei unzufrieden mit der Größe seines Geschlechtsteils. Hemingway, der Arztsohn, bittet Fitzgerald „in die Praxis“ (nicht mehr, wie in der alten Übersetzung, „ins Büro“), also auf die Toilette des Restaurants, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Und geht mit Klein-Fitzgerald dann noch hinüber in den Louvre, um ihn anhand der Statuen Penisgrößen zu erläutern. Wieso diese entwürdigende Darstellung des Freundes, dessen „Gatsby“ er oft gelobt hatte? In den späten fünfziger Jahren wurde der früh verstorbene Fitzgerald wiederentdeckt, während Hemingway nach dem Nobelpreis stagnierte; hier versucht er, den anschwellenden Ruhm des Rivalen nach Kräften zu beschädigen.

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