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F.A.Z.-Romane der Woche : Die Angst der Ärzte vor den Patienten

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Der Schweizer Urs Faes hat mit „Paarbildung“ eine Liebesgeschichte vorgelegt, die therapeutische Wirkung hat. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          4 Min.

          Wer Zürich für eine langweilige Banken-Stadt hält, in der sich nie etwas bewegt, der irrt: die Dada-Bewegung nahm hier ihren Ausgang, und in jüngerer Zeit ließen mehrere Wellen von Jugendkrawallen manch friedlichen Bürger von Lynchjustiz träumen. So öffnet es einen zeitlich und stimmungsmäßig sehr genau umrissen Hallraum, wenn sich das Liebespaar Andreas und Meret in Urs Faes' neuem Roman „Paarbildung“, der auf der Shortlist für den morgen verliehenen Schweizer Buchpreis steht, am Rande einer gewalttätigen Demonstration in Zürich zusammenfindet.

          „Schmelzt das Packeis!“, rufen die jungen Demonstranten 1981 und berufen sich in ihrer Abwehr von bürgerlicher Sattheit und Selbstgerechtigkeit auf die dadaistischen Slogans von 1916. Meret ist eine Aktivistinn und Andreas, der strebsame Student, der sich vor der wilden Jagd weggeduckt hatte, findet sie blutend und mit wütendem Gesicht unter dem Zwingli-Denkmal. Schon das wäre für eine Liebesbeziehung ein schwieriger Ausgangspunkt, aber in dem doppelbödigen Romantitel steckt auch noch ein Begriff aus der Krebstherapie.

          Anderthalb Jahrzehnte nach jenem schicksalhaften Treffen steht Meret Etter in ihrer Züricher Küche und starrt auf den Behandlungsplan, der in den nächsten Monaten ihr Leben bestimmen wird: „Die Wörter sind da, in ihren Gedanken, schwirren heran wie Seidenspinner: Fibrosen, Nervenschädigungen, Depigmentierung, Paarbildung, ein schönes Wort für den Strahlenabsorptionseffekt, denkt sie.“ Als die Brustkrebsdiagnose sie trifft, hatte sie gerade ihre feste Stelle als Juristin aufgegeben, um ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Seit vielen Jahren haben sie und Andreas Lüscher sich aus den Augen verloren, jetzt treffen sie sich ausgerechnet in der Klinik wieder, wo er als Psychologe die qualvollen Heilungsprozesse begleitet.

          Zarte Liebesgeschichte trotz sachlicher Krankheitsschilderung

          Urs Faes hat sich in seinem neunten Roman viel vorgenommen - und es gelingt ihm mit Bravour, obwohl die Liebeskonstellation aussichtsloser und tragischer nicht sein könnte. Aber die Gratwanderung zwischen sachlicher Krankheitsschilderung und erzählerischer Leichtigkeit gelingt ihm so gut, dass man diese Geschichte trotz der verstörenden Krankheit als zarte, große Liebesgeschichte liest. Was umso verblüffender ist, als sie in einem kargen, sehr pointierten Stil geschrieben ist und die Protagonisten in fast allen entscheidenden Momenten schweigen.

          Es gibt kaum Dialoge in diesem Roman, und die wenigen wirken steif und qualvoll, weil die Figuren stammeln und sich verhaspeln, sobald sie etwas von sich erzählen sollen, und über die wichtigsten Dinge können sie gar nicht sprechen. Die Kunst des Autors ist dem Dialogischen genau entgegengesetzt: Er spiegelt das Seelenleben seiner verschlossenen, wortkargen Figuren so beredt in kleinen Gesten oder im Licht über einer Landschaft, als würden Meret und Andreas in jedem Satz ihre Liebessehnsucht und ihren Einsamkeitsschmerz herausschreien.

          Mit dem Blick des empathisches Arztes

          Den Klinikalltag mit seinen Behandlungsstrategien und Tumorboards kennt der Autor genau. Eine Züricher Klinik hatte ihn beauftragt, anderthalb Jahre lang deren onkologische Station zu beobachten, um das Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten und die seelischen Folgen von Strahlentherapie und Chemo-Coctails zu beschreiben. Daher weiß sein auktorialer Erzähler, dass die Ärzte sich von den Ängsten und Forderungen der Patienten verfolgt fühlen, oft bis in ihre Träume hinein.

          Auch sein Held reagiert unwillig und panisch, als er Merets Krankenakte auf seinem Schreibtisch findet. Er gesteht sich ein, dass er nicht genügend Distanz hat, um ihre Ängste während der Behandlung aufzufangen. Und als er zufällig ein niederschmetterndes Gespräch zwischen Meret und ihrem Arzt belauscht, zieht ihn jeder Laut, jedes Stuhlrücken, Räuspern oder Zögern in der Stimme magisch an und steigert seine Sehnsucht nach ihr ins Unermessliche: er steckt, auf höchst unprofessionelle Weise, schon mitten in diesem Fall, der sein ganzes Leben in Frage stellt.

          Viele konzentrierte und schwebende Schilderungen

          Nochmals durchlebt er staunend jenen Abend, an dem sie ein Liebespaar wurden und die trotzige Steinewerferin ihm auf der Harfe vorspielte. Er sieht, „wie die Dämmerung durchs Fenster ins Zimmer fiel, das Glänzen des Parketts, dann wieder Merets Füße, die das Pedal drücken, das Profil ihres Gesichts, das sich vom Dunkel abhob, diese Stirnlocke, die bebte; die Töne, die sich mit dem Dunkel mischten, als Lichtpartikel im Raum hingen, ein glimmendes Leuchten, ein Abendzauber.“ Viele solcher konzentrierten und schwebenden Schilderungen gibt es im Roman, der von abendlichem Licht geprägt ist und von einer grandiosen Berglandschaft, in der auch die schönste und eindringlichste Szene spielt: die Beerdigung von Mertes bester Freundin Luzzi.

          Das Schicksal der rabiaten und rebellischen Polizistentochter aus dem Bergell, die aus dem Dorf floh um Ethnologie zu studieren, die Dada-Verse schrieb und übermüdet mit dem Auto in einen Fluss raste, beschäftigt Lüscher jahrelang. Schon die Beerdigung in ihrem Heimatdorf gerät zum grandios geschilderten Kulturkampf: zornerfüllte Jugend gegen jahrhundertealtes Gleichmaß, schwarze Gewänder gegen kurze Röckchen und kirschrote Münder. „Denn wenn der Gerechte weicht von der Gerechtigkeit und tut Böses, so muss er sterben; er muss um seiner Bosheit willen, die er getan hat, sterben“, zitiert der Pfarrer den Propheten. Andreas und Meret fliehen vor diesem alttestamentarischen Bannspruch in die Berge, in ein tröstliches, taubenblaues Licht. Dorthin werden sie, nach Abschluss der Strahlentherapie, für ein letztes, gemeinsames Wochenende zurückkehren.

          Ein bissig-mitfühlendes Porträt eines Intellektuellen

          Wie ein Film laufen all diese Erinnerungen vor Andreas' innerem Auge ab, und nicht zufällig trifft ihn der Tod des Regisseurs Michelangelo Antonioni tief. Verzweifelt rast er an diesem Tag mit dem Rad durch die sommerliche Landschaft und starrt in die Sonne, bis ihm schwarz wird vor Augen. Alle Sätze, mit denen Antonionis Werk im Radio kommentiert wird, sprechen auch von ihm: seinem obsessivem Blick auf die Frauen, der Aufmerksamkeit für die menschliche Fragilität und einer magischen Beziehung zu Licht und Schatten. Doch sind das nicht nur seine, sondern die Antriebskräfte des ganzen Romans, der Gegenstände und Gesichter geduldig und präzise abtastet und hochsymbolisch ausleuchtet, bis sie alle ihre Geheimnisse preisgeben. Außerdem: wo könnte man heute mehr über die menschliche Fragilität erfahren als in einer Krebsklinik?

          Man kann „Paarbildung“ nicht nur als Hommage an die erzählerische Kraft von Antonionis strenger, poetischer Bildsprache lesen, sondern auch als bissig-mitfühlendes Porträt eines Intellektuellen, der für die Freiheit schwärmt und fasziniert die Rebellion ringsum beobachtet, ohne irgendwo anzukommen - bis ihn das Leben hinterrücks doch erwischt. Nur lässt sich die Liebesgeschichte dann nicht mehr reparieren. An ihrem letzten gemeinsamen Abend im Gebirge kratzt Meret, wie Lidia (Jeanne Moreau) in „La Notte“, Farbe von einer Wand: „Splitter, murmelt sie, und darunter Rost. Sie öffnete die Hand und ließ die Splitter über das Geländer hinausflattern, im Gegenlicht blitzten sie kurz auf.“

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