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F.A.Z.-Romane der Woche : Die Angst der Ärzte vor den Patienten

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Auch sein Held reagiert unwillig und panisch, als er Merets Krankenakte auf seinem Schreibtisch findet. Er gesteht sich ein, dass er nicht genügend Distanz hat, um ihre Ängste während der Behandlung aufzufangen. Und als er zufällig ein niederschmetterndes Gespräch zwischen Meret und ihrem Arzt belauscht, zieht ihn jeder Laut, jedes Stuhlrücken, Räuspern oder Zögern in der Stimme magisch an und steigert seine Sehnsucht nach ihr ins Unermessliche: er steckt, auf höchst unprofessionelle Weise, schon mitten in diesem Fall, der sein ganzes Leben in Frage stellt.

Viele konzentrierte und schwebende Schilderungen

Nochmals durchlebt er staunend jenen Abend, an dem sie ein Liebespaar wurden und die trotzige Steinewerferin ihm auf der Harfe vorspielte. Er sieht, „wie die Dämmerung durchs Fenster ins Zimmer fiel, das Glänzen des Parketts, dann wieder Merets Füße, die das Pedal drücken, das Profil ihres Gesichts, das sich vom Dunkel abhob, diese Stirnlocke, die bebte; die Töne, die sich mit dem Dunkel mischten, als Lichtpartikel im Raum hingen, ein glimmendes Leuchten, ein Abendzauber.“ Viele solcher konzentrierten und schwebenden Schilderungen gibt es im Roman, der von abendlichem Licht geprägt ist und von einer grandiosen Berglandschaft, in der auch die schönste und eindringlichste Szene spielt: die Beerdigung von Mertes bester Freundin Luzzi.

Das Schicksal der rabiaten und rebellischen Polizistentochter aus dem Bergell, die aus dem Dorf floh um Ethnologie zu studieren, die Dada-Verse schrieb und übermüdet mit dem Auto in einen Fluss raste, beschäftigt Lüscher jahrelang. Schon die Beerdigung in ihrem Heimatdorf gerät zum grandios geschilderten Kulturkampf: zornerfüllte Jugend gegen jahrhundertealtes Gleichmaß, schwarze Gewänder gegen kurze Röckchen und kirschrote Münder. „Denn wenn der Gerechte weicht von der Gerechtigkeit und tut Böses, so muss er sterben; er muss um seiner Bosheit willen, die er getan hat, sterben“, zitiert der Pfarrer den Propheten. Andreas und Meret fliehen vor diesem alttestamentarischen Bannspruch in die Berge, in ein tröstliches, taubenblaues Licht. Dorthin werden sie, nach Abschluss der Strahlentherapie, für ein letztes, gemeinsames Wochenende zurückkehren.

Ein bissig-mitfühlendes Porträt eines Intellektuellen

Wie ein Film laufen all diese Erinnerungen vor Andreas' innerem Auge ab, und nicht zufällig trifft ihn der Tod des Regisseurs Michelangelo Antonioni tief. Verzweifelt rast er an diesem Tag mit dem Rad durch die sommerliche Landschaft und starrt in die Sonne, bis ihm schwarz wird vor Augen. Alle Sätze, mit denen Antonionis Werk im Radio kommentiert wird, sprechen auch von ihm: seinem obsessivem Blick auf die Frauen, der Aufmerksamkeit für die menschliche Fragilität und einer magischen Beziehung zu Licht und Schatten. Doch sind das nicht nur seine, sondern die Antriebskräfte des ganzen Romans, der Gegenstände und Gesichter geduldig und präzise abtastet und hochsymbolisch ausleuchtet, bis sie alle ihre Geheimnisse preisgeben. Außerdem: wo könnte man heute mehr über die menschliche Fragilität erfahren als in einer Krebsklinik?

Man kann „Paarbildung“ nicht nur als Hommage an die erzählerische Kraft von Antonionis strenger, poetischer Bildsprache lesen, sondern auch als bissig-mitfühlendes Porträt eines Intellektuellen, der für die Freiheit schwärmt und fasziniert die Rebellion ringsum beobachtet, ohne irgendwo anzukommen - bis ihn das Leben hinterrücks doch erwischt. Nur lässt sich die Liebesgeschichte dann nicht mehr reparieren. An ihrem letzten gemeinsamen Abend im Gebirge kratzt Meret, wie Lidia (Jeanne Moreau) in „La Notte“, Farbe von einer Wand: „Splitter, murmelt sie, und darunter Rost. Sie öffnete die Hand und ließ die Splitter über das Geländer hinausflattern, im Gegenlicht blitzten sie kurz auf.“

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