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F.A.Z.-Romane der Woche : Das Leben ist ein Billigflug

  • Aktualisiert am

Bild: Verlag

Christoph Hein lotet die Formen realistischen Erzählens aus, John von Düffel befasst sich mit den Schwierigkeiten des Schreibens. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Rüdiger Stolzenburg sitzt in einem ausgebuchten Billigflieger. Er fühlt sich bedrängt von der „unangenehmen Enge“ und von seinen Sorgen, die ihn bis hierhin verfolgen. Regungslos erträgt er seine Situation. Bewegungslos ist sogar sein Blick: „Stolzenburg lehnt den Kopf wieder ans Fenster und starrt in die Wolken.“ In dieser Melancholikerpose verharrt er, von der Welt abgewandt, seinen gedankenschweren Kopf ans Fenster gestützt. Dass ihm dabei eine Wolkenwand seine Sicht verstellt, macht deutlich: Er befindet sich in einer im doppelten Wortsinn aussichtslosen Lage. Was, wenn jetzt der Antrieb des Flugzeugs ausfällt? „Plötzlich zuckt einer der Propeller“, Sekunden später zittert die Schraube. Stolzenburg „starrt aus dem kleinen Fenster zur Tragfläche des Flugzeugs“. Vor Angst gelähmt, harrt er seines Schicksals.

          Die Szene eröffnet Christoph Heins neuen Roman „Weiskerns Nachlass“. Sie zeigt bereits, mit welcher Kunstfertigkeit und Eleganz dieser 67 Jahre alte Autor erzählt. Was wie eine unscheinbare Flugzeugepisode wirkt, enthält in Wahrheit, wie durch ein Brennglas gebündelt, die gesamte Welt und die Poetik des Romans. Der reiht sich in die Tradition realistischen Erzählens ein, wenn er sich als ein Fensterblick in ein anderes Leben inszeniert. Analog zur Flugzeugszene eröffnet sich für den Leser die Sicht auf Stolzenburgs grauen, wolkenbehangenen Alltag, durch den man ihn einige Herbstwochen begleitet.

          Beißende Gesellschaftskritik

          Tatsächlich bestimmen dort alle jene Eigenschaften, die das Eingangsbild ins Spiel bringt, Stolzenburgs Welt. Beengt und von Sorgen belastet ist das Leben des neunundfünfzigjährigen Kulturwissenschaftlers, nicht nur, weil er mit dem Altern hadert, sondern auch, weil er seit vierzehn Jahren mit einer halben Stelle an der Universität Leipzig auskommen muss. Über Wasser halten kann er sich nur, indem er sich mit Vorträgen, Artikeln und Radiobeiträgen ein Zubrot verdient. Wie in seinem Berufs-, so sieht es auch in seinem Privatleben aus: Stolzenburg ist geschieden, zu seiner Tochter hat er nur sporadisch Kontakt. Zwar hat er seit einem halben Jahr eine Freundin, aber Liebe empfindet er nicht, daher bleibt auch seine Beziehung eine halbe Sache. Stolzenburg lebt in einer Welt des halbvollen Glases, ohne Aussicht auf Besserung.

          Ohne Habilitation bleibt ihm der Weg zur Professur versperrt. Auch andere Hoffnungen auf einen Aufstieg oder wenigstens eine volle Stelle haben sich zerschlagen. Sogar sein Forschungsprojekt, den verstreuten Nachlass des Librettisten, Schauspielers und Topographen Weiskern zur kommentierten Werkausgabe zusammenzuführen, verschlingt nur Geld und Arbeit. So wirkt Stolzenburg wie erstarrt in seinem Leben. Und selbst dieses bescheidene Dasein kennt seine Bedrohungen, vor denen man sich schützen muss. Am besten, man trägt einen Fahrradhelm. Der macht einen zwar zur „grotesk entstellten Figur“, zum radelnden „Sternenkrieger“, schützt aber das Allerheiligste: den Kopf. Der Helm, als Pendant zum Sicherheitsgurt im Flugzeug, avanciert in Heins Roman zum Symbol aller ängstlichen Bewahrungsstrategien. Was für eine beißende Gesellschaftskritik wird hier im Zusammenspiel von Anfangsbild und Erzählung laut: Das Leben ist ein Billigflug. Es kennt nur zwei Optionen: Entweder man landet, dann geht alles so trist weiter wie zuvor. Oder man stürzt ab.

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