https://www.faz.net/-gr0-74eby

F.A.Z.-Romane der Woche : Befreiung durch den Wortgesang

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Adonis mahnt zum geistigen Aufbruch, Péter Nádas zog mit der Kamera los und M. Agejew berichtet vom Ende der Sittlichkeit. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          5 Min.

          Adonis mahnt zum geistigen Aufbruch, Péter Nádas zog mit der Kamera los und M. Agejew berichtet vom Ende der Sittlichkeit. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Dichter seien Leute, die sich weigerten, die Sprache zu benutzen, schrieb Jean-Paul Sartre einmal. Der französische Philosoph und Literat votierte damit keinesfalls für ein unverbindliches l’art pour l’art, sondern meinte damit, dass der Lyriker, im Unterschied zum Prosaautor, Sprache nicht zur direkten Kommunikation von Inhalten einsetze. Die Sprache der Poesie bilde eine Ausdruckswelt für sich, die zunächst einmal nicht nützlich sei.

          Wie sehr dies vor allem für die lyrische Dichtung der Araber gilt, macht Stefan Weidner im Vorwort eines Buches, das Essays und Artikel von Adonis enthält, deutlich, wenn er schreibt: „Da die Dichtung nach Adonis ein Humanum ist . . ., ist das Reden, das Ausgehen von der Dichtung ein Reden über die Kultur und das Dasein überhaupt.“ Bis heute ist die Poesie jene Kunst, in der sich die Araber am besten wiedererkennen - was angesichts einer großartigen, im Abendland kaum bekannten Tradition auch eine Last sein kann. Dichtung grundiert arabische Identität.

          Gewichtigste Stimme Arabiens

          Adonis, der mit bürgerlichem Namen Ali Ahmad Said Esber heißt, ist der bedeutendste Lyriker der zeitgenössischen arabischen Literatur, dazu einer der brillantesten Intellektuellen aus dem nahöstlichen Raum. Wer ihn persönlich erlebt, wird von seiner geistigen Präsenz beeindruckt sein - selbst im hohen Alter von mittlerweile mehr als achtzig Jahren.

          Der 1930 in einem syrischen Dorf des Alawiten-Gebiets geborene Schriftsteller wurde in den vergangenen Jahren regelmäßig unter die Kandidaten für den Literaturnobelpreis gerechnet; im vorigen Jahr erhielt er den Goethepreis der Stadt Frankfurt, was - Insider ausgenommen - leider wenig Resonanz hervorrief. Dabei ist Adonis, der seine syrische Heimat unter dem Druck der Verhältnisse früh verließ und in den liberaleren Libanon übersiedelte, ehe er sich schließlich in Paris niederließ, momentan die gewichtigste Stimme Arabiens jenseits der offiziellen Politik.

          Ausgepichtes Sprachkunstwerk

          Sein großes Thema ist Tadschdid, Erneuerung, nicht allein in der arabischen Poesie und Literatur, zu der er mit seinem Werk wesentlich beigetragen hat, sondern vor allem in Religion, Politik und Gesellschaft. Sein Dichtername „Adonis“ bezieht sich denn auch ganz folgerichtig auf den babylonisch-syrischen Gott des „Stirb und Werde“, der im Semitischen auch Tammuz heißt. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Auswahl von Vorlesungen und Abhandlungen in deutscher Sprache könnte brisanter nicht sein, denn die blutigen Ereignisse in der syrischen Heimat von Adonis illustrieren manche seiner Thesen und machen die geistigen Aufbrüche, zu denen er - aus dem Geist der Sprache und der Poesie heraus - auffordert, umso dringlicher.

          Betrachtungen über Geschichte und Wesen der arabischen Dichtung sowie das systematische Nachdenken arabischer Philologen über sie bilden den Hauptteil des Bandes. Vier Poetikvorlesungen setzen mit der mündlich vorgetragenen und überlieferten vorislamischen Beduinendichtung ein, die eher als emphatische Musik und Gesang (tarab) der Seele empfunden wurde denn als ausgepichtes „Sprachkunstwerk“.

          Moderne vor der Moderne

          Der Islam ist bis heute eine Kultur des Hörens. Ihr Vorbildcharakter - der auch zur poetischen Erstarrung führen konnte - wurde erst später schriftlich festgelegt. In steter Auseinandersetzung, ja bisweilen sogar Konkurrenz mit der - an sich als unnachahmlich geltenden - Sprache des Korans (die nach dem Dogma Gott selbst verwandte) schufen die Araber einen poetischen Kosmos, der Europa - ganz anders etwa als die klassische persische Dichtung zur Zeit Goethes und der Romantiker - im Grunde unbekannt und verschlossen blieb.

          Umso überraschender ist für den westlichen Leser Adonis’ Darstellung einer arabischen „Moderne vor der Moderne“, denn der syrisch-libanesische Dichter hat selbst für sein Werk nicht nur von den großen Franzosen des Symbolismus und Surrealismus im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert - Baudelaire, Rimbaud, Valéry, Mallarmé oder Breton - gelernt, sondern auch von den arabischen Dichterkönigen der klassischen Zeit der Abbasiden, einem Abu Nuwas, al Mutanabbi oder Abul Ala al Maarri (in dessen Heimatstadt Maarrat al Numan unlängst heftige Kämpfe zwischen den Truppen Assads und den Rebellen stattfanden). Speziell die philosophisch-skeptische Dichtung al Maarris mutet modern an.

          Weitere Themen

          Die unreine Poesie

          Literarisches Leben : Die unreine Poesie

          Kunterbunt ist die Sprache, und als Dichter kann man ihr nur in Demut begegnen. Schriftsteller Ralph Dutlis Dankesrede beim Deutschen Sprachpreis ist eine Hommage an die Poesie.

          Ich denke so frei

          Wissenschaftsfreiheit : Ich denke so frei

          Ein Podium im Berliner Wissenschaftskolleg sollte die Anliegen des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit" und der „Initiative Weltoffenheit" zusammenführen. Warum fiel ihre Resonanz in der Öffentlichkeit so unterschiedlich aus?

          Topmeldungen

          NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel

          Verteidigungsplanung der NATO : Die Kunst flexibler Abschreckung

          Die NATO richtet ihre Verteidigung auf hybride Kriegsführung aus. Nun wird ermittelt, was die Mitglieder dafür können müssen. Das ist auch für die nächste Bundesregierung von Bedeutung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.