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Neuer Gotthard-Basistunnel : Jeder Tunnel führt zu einem neuen Berg

Die alte Straße, die sich zum Gotthard hinaufschlängelt, sieht mit einem Mal aus, als gehöre sie einer fernen Vergangenheit an: Die gesamte Strecke zwischen Erstfeld und Bodio wurde mit Drohnen gescannt, und so kalt blicken sie auf die Welt. Bild: LVML ETH Zurich

Nadelöhr Schweiz: Am 1. Juni wird der Gotthard-Basistunnel eingeweiht. Ein opulenter Sammelband untersucht, was das Mammutbauwerk für die Wahrnehmung der Landschaft bedeutet.

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          Wie wir in diesen Tunnel gelangt sind, weiß ich nicht“, erklärt der Zugführer zum Reisenden, der sich als Einziger wundert, dass sie auch noch nach fünf, zehn und zwanzig Minuten in ihm stecken: „Ich besitze dafür keine Erklärung. Doch bitte ich Sie zu bedenken: Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muss also irgendwohin führen. Nichts beweist, dass am Tunnel etwas nicht in Ordnung ist, außer natürlich, dass er nicht aufhört.“ In Friedrich Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“ sind die Gleise in der Dunkelheit eine Metapher für ein Leben, das wie auf Schienen verläuft.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Sie führen nicht ans Licht, sie münden in die unabwendbare Katastrophe. Der vor einem Vierteljahrhundert verstorbene Dichter ist seinen Landsleuten mit der Beschreibung der Schweiz als Gefängnis, das von lauter Freiwilligen bewohnt wird, in Erinnerung geblieben. Die „Basler Zeitung“ hat die 1952 erschienene Erzählung ausgegraben und abgedruckt: Besser kann man die Sinnfrage bezüglich des längsten Tunnels der Welt, den eines ihrer kleinsten Länder jetzt gebaut hat, nicht stellen. An seiner Zweckmäßigkeit macht die Zeitung erhebliche Zweifel geltend.

          Der Gotthard-Basistunnel ist ein Projekt, wie es sich eigentlich nur die Science-Fiction vorstellen konnte. Doch schon in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte der Basler Carl Eduard Gruner Pläne für eine unterirdische Durchquerung der Alpen auf der Höhe des Flachlands entworfen: ein Tunnel, zu dem keine Rampen und Aufstiege mehr führen würden. In den neunziger Jahren wurden sie konkreter, damals hatte die Schweiz, das Eisenbahnland par excellence, ihre ersten ernsthaften Konflikte mit Europa seit dem Krieg - auch des Verkehrs wegen, der die Eidgenossenschaft überrollte - und will es dazu bringen, den Gütertransport von der Straße auf die Schienen zu verlagern. Es ist so weit: Am 1. Juni wird im Beisein der europäischen Regierungschefs von Angela Merkel bis François Hollande der siebenundfünfzig Kilometer lange Tunnel zwischen Erstfeld im Kanton Uri und Bodio im Tessin eröffnet.

          Die erste von sechs Tunnelbohrmaschinen wird per Zug durch den Gotthard-Basistunnel transportiert.

          Landschaft, Mythos, Technologie

          Vor sechs Jahren konnte man den Durchstich live im Fernsehen verfolgen. Fast zentimetergenau war er in zweieinhalb Kilometer Tiefe erfolgt. Von beiden Seiten aus wurde gebohrt, durch Granit und Dolomit. Die beiden Röhren sind durch zahlreiche Querstollen miteinander verbunden - ein technisches Meisterwerk wie schon der erste Gotthardtunnel, der seinen Erbauer, den Genfer Louis Favre, im neunzehnten Jahrhundert in den finanziellen Ruin und in den Tod trieb: Bei einer Besichtigung brach er tot zusammen.

          Arbeiter mit Statue der Heiligen Barbara von Nikomedien, Schutzpatronin jener, die unter Tage arbeiten.

          Als Begleitband zu diesen beiden Jahrhundert-Unternehmungen erscheint eine ebenso alle Dimensionen sprengende und die Gattungen überbrückende Dokumentation: „Der Gotthard, Il Gottardo“. Sie geht auf ein Forschungsprojekt der Universität der Italienischen Schweiz und der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zurück, das fünf Jahre in Anspruch nahm. Federführend waren Architekten. In drei Sprachen werden die rund drei Dutzend Essays präsentiert: Deutsch, Italienisch, Englisch - ohne Übersetzungen und Zusammenfassungen. Drei Themenbereiche wurden abgesteckt: Landschaft, Mythos, Technologie.

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