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Roman „Die Unantastbaren“ : Die Götter in den Straßen der Bronx

Polizeialltag: New Yorker Polizisten sichern Spuren am Tatort eines Doppelmords in Borough Park in Brooklyn. Bild: (c) Angel Zayas/Demotix/Corbis

Richard Price’ Roman „Die Unantastbaren“ erzählt vom moralischen Schleudertrauma eines New Yorker Polizisten. Denn wie seine Kollegen, hat auch er einen Mörder, den er nie dingfest machen konnte.

          5 Min.

          Wenn es Nacht wird in New York, ist Billy Graves hellwach. In der Stadt, die niemals schlafen darf, ist es kein Traumjob und auch keine ruhige Nummer, Schichtleiter beim NYPD, beim New York Police Department, zu sein. Für Billy ist es eine Strafversetzung, weil er vor Jahren nicht nur einen gesuchten Verbrecher erschossen, sondern dabei auch einen hispanischen Jugendlichen schwer verletzt hat. Dass er damals vollgekokst war, ist nicht bewiesen und nicht aktenkundig, aber alle wissen es. Wir auch, als Leser von Richard Price’ Roman „Die Unantastbaren“.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man muss Richard Price vielleicht doch kurz vorstellen, den 66-Jährigen, der in der Bronx aufwuchs, der Romane wie „Clockers“ und zuletzt „Cash“ geschrieben hat, aber eben auch, weil sich damit zwar weniger Ruhm, aber mehr Geld verdienen lässt, Drehbücher zu ein paar großen Filmen, um nur mal mit Scorseses „Die Farbe des Geldes“ von 1986 anzufangen, „Sea of Love“ (1989) nicht zu vergessen und die Aufzählung bei der Beteiligung an der Serie „The Wire“ (1989) enden zu lassen, die man mit guten Gründen noch immer für eine der besten Polizeiserien überhaupt halten kann.

          Die Veröffentlichung der „Unantastbaren“ (im Original: „The Whites“) hat ein gutes Timing, weil Price’ letztes Drehbuch, die Adaption des mäßigen Romans „Kind 44“ von Tom Rob Smith, nicht ganz so geglückt war - ob das nun auf ihn oder andere Faktoren zurückzuführen ist. Das Russland der Stalin-Ära ist halt keine Epoche für den Mann, der eine zeitgemäße Schattierung von Noir beherrscht wie kaum ein anderer. Und zu Zweifeln bestand kein Anlass, dass Price das immer noch kann. Auch wenn „Die Unantastbaren“ unter dem Namen Harry Brandt in Amerika erschien, was der deutsche Verlag nur im Kleingedruckten erwähnt. Das ist schlüssiger als das Cover der Originalausgabe, wo sich die rätselhafte Formulierung „Richard Price writing as Harry Brandt“ findet.

          Die Sprache, die zählt

          Billy Graves also ist moralisches Zentrum des Romans, aber deshalb nicht notwendig immer Mittelpunkt der Handlung. Er bekommt zur Einführung jene Vorzugsbehandlung, die Price seinen Frauen und Männern der Straße schuldig ist: „Kompakt wie ein Footballer, dazu Hängeschultern, das bleiche Gesicht mit den vor Erschöpfung glasigen Augen gekrönt von einer halben Mistgabelladung frühzeitig ergrauter Haare. Er war zwar erst zweiundvierzig, aber sein Knitterzellophanblick gepaart mit einer exquisiten Schlaflosenpose hatte ihm schon mal eine Seniorenermäßigung fürs Kino eingebracht.“ Verheiratet ist er auch, zum zweiten Mal, seine Frau Carmen ist Krankenschwester in der Notaufnahme, sie haben zwei Kinder und als Dauergast in ihrem Haus in Yonkers Billys Vater, einen pensionierten Cop, der zwischen Demenz und Augenblicken luzider gedanklicher Schärfe schwankt.

          Vor allem aber hat Billy ein paar alte Freunde, und er hat in diesem Buch eine Nemesis, die am Ende dann doch nicht seine gewesen sein wird. Das darf man verraten, ohne die Spannung zu zerstören, weil es Price selber sehr früh erkennen lässt.

          So, wie die Architektur seiner Romane funktioniert, sind Plot Points auch keine tragenden Elemente. Es ist die Sprache, die zählt, die, immer neu kalibriert, ein Präzisionsinstrument ist, um zersiedelte Stadtlandschaften und banale Innenräume in ein besonderes Licht zu setzen, um Menschen zu porträtieren, ihr Innenleben im Außen sichtbar werden zu lassen und ihnen Dialoge zu schreiben, die man nicht naturalistisch missverstehen sollte. Sie gleichen, ähnlich wie beim 2013 verstorbenen Elmore Leonard, einer sorgfältig arrangierten Partitur. Das ist nicht einfach den Cops, Dealern, Kleingaunern, Huren, Hausmeistern oder Nachtschwärmern abgelauscht und aufgeschrieben; es ist für die einzelnen Figuren und Stimmen maßgeschneidert, mit einem sicheren Gespür für Rhythmus, für Pointen und vor allem dafür, was gesucht, gewollt und künstlich klingen würde.

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