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Kapitalismuskritik : Der Markt ist tot, es lebe das Netz

  • -Aktualisiert am

Aktive Kapitalismuskritik auf den Frankfurter Straßen 2015, zur Eröffnung des Frankfurter Neubaus der EZB – An dessen Ende glauben sie wohl nicht. Bild: Helmut Fricke

Die Journalisten Paul Mason und Robert Misik glauben zu wissen, was nach dem bevorstehenden Ende des Kapitalismus kommt. Der Staat soll helfen, und das Internet wird alles richten.

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          Der Kapitalismus ist am Ende, so sieht es zumindest der englische Fernsehjournalist Paul Mason. Die moderne Informationstechnologie entziehe ihm den Boden. Doch der Kapitalismus wehre sich, und das mache ihn gefährlich. Seine neoliberale Abwehrstrategie löse Schocks und Katastrophen aus, wie die Verschuldung und die Klimaerwärmung. Dagegen helfe nur „revolutionärer Reformismus“, der mit staatlichen Zwangsmaßnahmen die drohende Katastrophe verhindere, indem er die Regeln der Marktwirtschaft aushebele und den Neoliberalismus entmachte. Möglich soll das sein wegen der Informationstechnologie, die nicht nur den Kapitalismus bedroht, sondern auch in die Zukunft weist. Sie mache Marktwirtschaft und Ausbeutung überflüssig, da die notwendigen Güter ohne Arbeit im Überfluss zur Verfügung stehen könnten. Zu deren Verteilung sei auch kein Markt mehr nötig. Jeder nimmt sich, was er braucht.

          Dazu allerdings muss der Kapitalismus erst einmal weg. Abschaffen kann ihn allerdings nicht mehr die „Arbeiterklasse“, die sich auf seine Seite geschlagen hat, sofern es sie überhaupt noch gibt. Das „revolutionäre Subjekt“ ist für Mason vielmehr die „vernetzte Menschheit“, die zu staatlichen Mitteln greift, um der Marktwirtschaft das verdiente Ende zu bereiten. An deren Stelle träten dann Allmendeproduktion und das Internet der Dinge, die für kostenlosen Überfluss sorgten. Bis dorthin, das gesteht Mason zu, ist es kein einfacher Weg. Deshalb braucht die „vernetzte Menschheit“ den Staat, der das Gute (Grundeinkommen, Vernetzung, Allmendeproduktion) fördert und das Schlechte (Energieverbrauch, Finanzkapital, Schulden, Markt) bekämpft.

          Unternehmer, Kapitalisten, Neoliberale oder Banker – alles das Gleiche

          Verstaatlichung spielt hier für den Weg zum Postkapitalismus insofern eine große Rolle (Energie, Infrastruktur, Wohnen, Finanzen), Steuerung auch. Und wer da nicht mitmacht, der müsse bekämpft werden „wie Al Qaida“. Da kennt Mason keine Bedenken, wie auch zum Abbau der Schulden das Publikum kurzerhand enteignet werden soll. Schließlich, wenn der Staat das Böse beseitigt und das Gute lebensfähig gemacht habe, könne er absterben: Die vernetzte Menschheit komme zu sich selbst.

          Aber hier ist das Buch dann bereits eine Erzählung von endzeitlicher Erlösung. Es ist journalistisch geschrieben, bedient sich dessen, was Mason ohnehin anpreist, nämlich der Informationswelt des Netzes, die hier aus Schnipseln zusammengestückelt wird, die irgendwie zur These zu passen scheinen. Gegenargumente kennt dieser Autor nicht. Kontrovers ist nichts, sondern alles längst klar. Logik spielt keine Rolle, und ob es um Unternehmer, Kapitalisten, Neoliberale oder Banker geht – alles das Gleiche.

          Die Krise als Symptom des Niedergangs

          Dass zwischen den Regeln der kapitalistischen Wirtschaft und den Motiven und Handlungen einzelner Unternehmen keine Identität besteht, ja massive Konflikte möglich sind, kommt Mason nicht in den Sinn. Für ihn ist alles, was er ablehnt, Ausdruck des Systems, alles was er gut findet, ein Schritt auf dem Weg zum Postkapitalismus. Dass auch eine Überflussgesellschaft mit neun Milliarden Menschen Rohstoffe benötigt, die nicht kostenlos sind: egal.

          So wie Mason plädiert auch der österreichische Journalist Robert Misik in seinem Buch dafür, den Kapitalismus durch Förderung von kostengünstiger und profitloser share-economy und Allmendeproduktion zu überwinden. Und auch er beginnt mit Beschreibungen der sozialen Folgen der Finanzmarktkrise in Südeuropa, die für ihn Zeichen des Untergangs des Kapitalismus sind. Die Krise ist insofern für ihn nur Symptom eines Niedergangs, der wegen des Sinkens der industriellen Profitraten bereits in den siebziger Jahren begonnen habe. Das Kapital habe sich seither aus der eigentlichen Produktion zurückgezogen und sei auf der Suche nach höheren Gewinnen in die Finanzmärkte geflohen, habe dort aber letztlich die ohnehin gegebene Instabilität des Finanzkapitalismus nur weiter verschärft.

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