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DDR-Roman : Das Herz ist ein pochender Knorpel

Wie erzählt man vom DDR-Alltag, ohne gleich alles zu historisieren und zu musealisieren? André Kubiczek gelingt das. Bild: dpa

André Kubiczek erzählt in seiner hinreißenden „Skizze eines Sommers“ von René und seinen Freunden, dem ChefBrigadier der Dekadenz, Napoléon-Brandy, dem Mädchen ohne Namen und auch von der DDR.

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          Keine Ahnung, wer zuerst zu wem kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie“, das ist der erste Satz des Romans, „Böse Blumen“ ist das erste Kapitel überschrieben. Immerhin ist es nicht der große ennui, der zu ihm kam, die Langeweile ergreift René zwar auch manchmal, die Sehnsucht freilich sehr. René hat ein abstehendes rechtes Ohr, zumindest in seiner Selbstwahrnehmung, und das „Mädchen ohne Namen“ teilt dieses Schicksal. Ein bisschen später heißt das überhaupt „schönste Mädchen der Welt“ dann „die große Schwester von Fritzi“. Sie trägt weiße Adidas-Sneakers wie Robert Smith, der Sänger von The Cure, und stylt sich auch sonst wie er, schwarz ist die Farbe der Kleider, toupiert sind die Haare, geschminkt ist das Gesicht.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Auch René arbeitet hart an seinem äußeren Erscheinungsbild, seine Frisur ist eine allmorgendliche Herausforderung, seine grauen Schuhe lackiert er schwarz. Aber in der EOS, der erweiterten Oberschule, prosperiert er dennoch, nach diesen Sommerferien wird er auf ein Eliteinternat in Halle gehen. Innerlich ist er derweil hart auf den Fersen von Baudelaire, „Le Spleen de Paris“ eben. Und bis ganz nah zum schönsten Mädchen führen vorerst noch einige Umwege, weil es eben auch andere Mädchen gibt.

          Lebenssüchtige Mädchen mit soliden Zukunftsvorstellungen

          Es sind die Sommerferien 1985, in denen René seinen sechzehnten Geburtstag feiern wird, und vor ihm liegen sieben unbeaufsichtigte Wochen. Seine Mutter ist vor einiger Zeit an Krebs gestorben, eine schlimme Wunde, die er lieber beschweigt. Sein Vater, mit dem er weiterhin in der elterlichen Wohnung lebt, ist als ein womöglich verlässlicher Vertreter der DDR zu den Abrüstungsverhandlungen nach Genf gereist. Der Vater lässt ihn in der Wohnung zurück, ausgestattet mit tausend Mark, einem kleinen Vermögen. René und seine Freunde leben im „Wohngebiet“ am Rand von Potsdam, auch wer niemals dort herumgelaufen ist, kann sich die Topographie vorstellen, in der André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ vor allem spielt. Es sind nur noch gut vier Jahre bis zum Mauerfall, aber das ist gar nicht so wichtig. Denn Kubiczek hat keinen Bald-ist-die-DDR-kaputt-und-das-liegt-schon-in-der-Luft-Roman geschrieben, sondern ein hinreißendes Prosastück über das juvenile Schwingen zwischen Wirklichkeiten und Wünschen, teuren Westimporten und erfinderischen Selbstentwürfen.

          Eigentlich passiert wenig, schon gar nichts Historisches, wenn René, Michael, Dirk und Mario, Bianca, Connie, Rebecca und selbst das schönste Mädchen tun, was so geht in einem Sommer, im Café und in der Disco und im Park. René und seine Freunde lungern oder machen sich wichtig. Sie rauchen auf dem Platz vor der Kaufhalle, trinken den Napoléon-Brandy in Renés Wohnung leer oder tragen ständig Hefte bei sich, in die sie gern vor Publikum mit Bleistiftstummeln schreiben, so zeichnen sie sich als Flaneure à la Baudelaire aus.

          Ein federleichter Roman über das Erwachsenwerden: André Kubiczeks „Skizze eines Somnmers“
          Ein federleichter Roman über das Erwachsenwerden: André Kubiczeks „Skizze eines Somnmers“ : Bild: dpa

          Jeder stilisiert sich auf seine Art. Mario, der erst vierzehn ist, aber älter aussieht, gibt den frühreifen Verführer, Michael und Dirk machen auf Dandys im Gefolge von René. Als an seinem Geburtstag erst einmal keiner von ihnen bei ihm auftaucht, tröstet er sich: „Aber wie sagte schon Baudelaire, Chef-Brigadier aller dekadenten Dichter: ,Freunde?‘ - ,Du bedienst dich da eines Wortes, dessen Bedeutung mir bis heute unbekannt geblieben ist.‘“ Derweil tasten sich die lebenssüchtigen Mädchen an die Jungs heran, Connie und Bianca, die schon ein bisschen mehr vom Sex wissen, mit ihren handwerklich soliden Zukunftsvorstellungen, die kühl intellektuelle Rebecca mit ihren künstlerischen Eltern und auf ihre Art sogar das schönste Mädchen.

          Halsbrecherisch und ironisch grinsend

          Dafür, dass diese Aufbrüche ins Leben in der DDR stattfinden, setzt Kubiczek unaufdringlich, doch unüberlesbar feine Signale: Der kurzzeitig erstaunlich begüterte René kann sich eine Hanser-Ausgabe von Baudelaire für unerhörte sechzig Mark kaufen, das einzige Exemplar im Buchladen weit und breit. Telefone sind keineswegs in jedem Haushalt vorhanden, was indessen auch erwünschte Nichtkommunikation mit besorgten Anverwandten befördert, wo doch die große Freiheit eines Sommers ruft. Und endlich spielt die Musik eine wichtige Rolle; denn man verachtet im Kreis um René westlichen Achtziger-Mainstream, es muss schon mindestens The Cure sein oder Sisters of Mercy, lieber noch Duritti Column. Oder gar Throbbing Gristle (was übersetzt „pochender Knorpel“ heißt), so will es Kubiczek. Schon mal davon gehört? Weiland die Speerspitze der britischen Industrial Music, aufsässiger elektronischer Tanz-Pop der Thatcher-Ära, was durchaus witzig ist, im real existierenden Sozialismus des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Dass da natürlich in der einschlägigen Disco-Veranstaltung im „Orion“ einmal in der Woche Zugeständnisse zu machen sind, versteht sich, es muss schließlich Kontaktraum geben für neue ahnungsvolle Bedürfnisse in diesem Sommer des Erwachens.

          Die „Skizze eines Sommers“ verläuft über weite Strecken in Rede und Gegenrede ihrer jugendlichen Hauptdarsteller, René erzählt aus der Ich-Perspektive. Gelegentlich verstrickt er auch seine Leser in die Ereignisse - „Und wisst ihr, was ich stattdessen bekam?“, nämlich in der „Wohngebietsbuchhandlung“ am Keplerplatz, „Schlichtweg die Offenbarung“, also die Baudelaire-Gesamtausgabe. Aber Kubiczeks Roman ist sternenweit entfernt von der Wiedergabe postpubertären Gequatsches, er denunziert niemals René und dessen Freunde. Vielmehr gewinnt er diesen Erprobungen im Reden - und im Betrachten und Berühren - eine spielerische Leichtigkeit ab, zu der ihn seine literarische Verve befähigt. Vielleicht lässt es sich so sagen: Der Autor, Jahrgang 1969, ist noch nicht in die Phase jener Dominanz des Langzeitgedächtnisses eingetreten, die alles zu aufbereitetem Staub zerfallen lässt. André Kubiczek erweckt das sattsam strapazierte Coming-of-Age-Thema zu einem quicklebendigen Roman, mit seiner bildreichen Sprachkunst - manchmal hübsch halsbrecherisch, manchmal grinsend ironisch, ohne je sarkastisch zu sein, voller Einfühlung, ohne Anbiederung.

          Bleibt noch: Wer in den fernen Achtzigern nie ein Mixtape geschenkt bekam, weiß gar nicht, was für ein Aufwand das ist, die ganze Aufnehmerei auf den Kassettenrecorder (im Osten wie im Westen) und überhaupt die Auswahl der Lieder. Auf die sorgfältig schwarz lackierte Kassette, die René, gewissermaßen vorauseilend, für das schönste Mädchen zusammenstellt und die eine „helle Seite“ und eine „dunkle Seite“ hat, schreibt er schließlich „Sketch for Summer“, den Titel eines wunderschönen Musikstücks von Vini Reilly, dem Gitarristen von Duritti Column. Schon einmal gehört? Jetzt ist vielleicht der Moment. Und das schönste Mädchen trägt übrigens den Namen einer Siegerin. Die Passionen der großen Passage, die sich in einem einzigen Sommer vollziehen kann - wenn nicht nur ein Knorpel, sondern auch das Herz pocht, das doch ein Muskel ist -, sind in André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ eingefangen.

          André Kubiczek: „Skizze eines Sommers“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2016. 380 S., geb., 19,95 €.

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