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DDR-Roman : Das Herz ist ein pochender Knorpel

Halsbrecherisch und ironisch grinsend

Dafür, dass diese Aufbrüche ins Leben in der DDR stattfinden, setzt Kubiczek unaufdringlich, doch unüberlesbar feine Signale: Der kurzzeitig erstaunlich begüterte René kann sich eine Hanser-Ausgabe von Baudelaire für unerhörte sechzig Mark kaufen, das einzige Exemplar im Buchladen weit und breit. Telefone sind keineswegs in jedem Haushalt vorhanden, was indessen auch erwünschte Nichtkommunikation mit besorgten Anverwandten befördert, wo doch die große Freiheit eines Sommers ruft. Und endlich spielt die Musik eine wichtige Rolle; denn man verachtet im Kreis um René westlichen Achtziger-Mainstream, es muss schon mindestens The Cure sein oder Sisters of Mercy, lieber noch Duritti Column. Oder gar Throbbing Gristle (was übersetzt „pochender Knorpel“ heißt), so will es Kubiczek. Schon mal davon gehört? Weiland die Speerspitze der britischen Industrial Music, aufsässiger elektronischer Tanz-Pop der Thatcher-Ära, was durchaus witzig ist, im real existierenden Sozialismus des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Dass da natürlich in der einschlägigen Disco-Veranstaltung im „Orion“ einmal in der Woche Zugeständnisse zu machen sind, versteht sich, es muss schließlich Kontaktraum geben für neue ahnungsvolle Bedürfnisse in diesem Sommer des Erwachens.

Die „Skizze eines Sommers“ verläuft über weite Strecken in Rede und Gegenrede ihrer jugendlichen Hauptdarsteller, René erzählt aus der Ich-Perspektive. Gelegentlich verstrickt er auch seine Leser in die Ereignisse - „Und wisst ihr, was ich stattdessen bekam?“, nämlich in der „Wohngebietsbuchhandlung“ am Keplerplatz, „Schlichtweg die Offenbarung“, also die Baudelaire-Gesamtausgabe. Aber Kubiczeks Roman ist sternenweit entfernt von der Wiedergabe postpubertären Gequatsches, er denunziert niemals René und dessen Freunde. Vielmehr gewinnt er diesen Erprobungen im Reden - und im Betrachten und Berühren - eine spielerische Leichtigkeit ab, zu der ihn seine literarische Verve befähigt. Vielleicht lässt es sich so sagen: Der Autor, Jahrgang 1969, ist noch nicht in die Phase jener Dominanz des Langzeitgedächtnisses eingetreten, die alles zu aufbereitetem Staub zerfallen lässt. André Kubiczek erweckt das sattsam strapazierte Coming-of-Age-Thema zu einem quicklebendigen Roman, mit seiner bildreichen Sprachkunst - manchmal hübsch halsbrecherisch, manchmal grinsend ironisch, ohne je sarkastisch zu sein, voller Einfühlung, ohne Anbiederung.

Bleibt noch: Wer in den fernen Achtzigern nie ein Mixtape geschenkt bekam, weiß gar nicht, was für ein Aufwand das ist, die ganze Aufnehmerei auf den Kassettenrecorder (im Osten wie im Westen) und überhaupt die Auswahl der Lieder. Auf die sorgfältig schwarz lackierte Kassette, die René, gewissermaßen vorauseilend, für das schönste Mädchen zusammenstellt und die eine „helle Seite“ und eine „dunkle Seite“ hat, schreibt er schließlich „Sketch for Summer“, den Titel eines wunderschönen Musikstücks von Vini Reilly, dem Gitarristen von Duritti Column. Schon einmal gehört? Jetzt ist vielleicht der Moment. Und das schönste Mädchen trägt übrigens den Namen einer Siegerin. Die Passionen der großen Passage, die sich in einem einzigen Sommer vollziehen kann - wenn nicht nur ein Knorpel, sondern auch das Herz pocht, das doch ein Muskel ist -, sind in André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ eingefangen.

André Kubiczek: „Skizze eines Sommers“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2016. 380 S., geb., 19,95 €.

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