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Herrscher der Türkei : Was hat Erdogan wirklich vor?

Er glaubt, er weiß, wo es langgeht - für die Türkei, für Europa und für die ganze Welt: Recep Tayyip Erdogan. Bild: dpa

Wie ein begabter Straßenjunge zum Sonnenkönig aufstieg: Die Journalistin Çigdem Akyol widmet dem türkischen Präsidenten eine Biographie. Ihr Buch zeigt, wie schwer es ist, sich auf Erdogan einen Reim zu machen.

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          Inmitten des gerade zu Ende gegangenen Fastenmonats Ramadan sorgte ein kleiner Istanbuler Plattenladen weltweit für Schlagzeilen: Ein wütender Mob aus zwanzig Männern stürmte den Laden im Stadtteil Cihangir und prügelte mit Flaschen und Rohrstücken auf den Besitzer und dessen Gäste ein: Aus Anlass des neuen „Radiohead“-Albums fand dort eine Hörparty statt, bei der auch Wein getrunken wurde. Doch Alkohol und Musik, das darf in den Augen von konservativen Muslimen während des Ramadan nicht sein.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vor zehn, fünfzehn Jahren krähte in der Türkei kein Hahn danach, ob man fastet oder nicht. Seitdem die AKP die Regierung stellt, hat sich die Toleranz verflüchtigt. Wie der Islam zu leben ist, bestimmt nun einzig und allein Recep Tayyip Erdogan. Jeder soll sein wie er: ein frommer sunnitischer Muslim, der nicht raucht, nicht trinkt, der betet und sich auch an die religiösen Vorschriften des Fastenmonats hält. Das Befolgen religiöser Regeln hat für Erdogan Vorrang vor persönlichen Rechten und Freiheiten.

          Ein Verführer und Narziss

          Anders lassen sich seine Worte nach dem Überfall von Cihangir nicht deuten: Den Plattenladen anzugreifen sei genauso falsch gewesen, wie während des Ramadan Alkohol zu trinken und Musik zu hören, erklärte Erdogan, Staatspräsident eines Landes, dessen Gesetze den tätlichen Angriff von Personen verbieten, nicht aber den grundsätzlichen Konsum von Alkohol oder Hörpartys - auch nicht während des Ramadan.

          Die in Istanbul lebende deutsch-türkische Journalistin Çigdem Akyol, Jahrgang 1978, hat eine Biographie des türkischen Staatspräsidenten geschrieben, die das Phänomen Erdogan deutschen Lesern näherbringen will. Nach einer Phase der Hoffnung, in der Erdogan als reformwilliger und EU-orientierter Demokrat auftrat, baut er, der lieber die Hand zur Faust ballt, als andere Hände zu schütteln, die Türkei immer mehr zu einem Ein-Mann-Staat nach seinen Vorstellungen um.

          Für Akyol ist Erdogan ein Verführer und Narziss, dessen unbändiger Wunsch nach Bedeutsamkeit nur zu verstehen ist, wenn man die politischen und gesellschaftlichen Umstände berücksichtigt, in denen er aufwuchs und Gefallen an der Politik fand. Sie prägten auch die erste Generation der türkischen Gastarbeiter, die sich von 1961 an auf den Weg nach Deutschland machte, weshalb die Lektüre dieser soziohistorischen Analyse, der Akyol viel Sorgfalt widmet, auch ein Gewinn für das Verständnis der hier lebenden Deutsch-Türken ist. Für nicht wenige waren die Verhältnisse der Anlass, der Heimat den Rücken zu kehren.

          Die Gesellschaft ist tief gespalten

          Damals wie heute ist die türkische Gesellschaft tief gespalten. Die verwestlichte, städtische Elite teilt sich die wichtigsten Posten in Militär, Bürokratie und Verwaltung untereinander auf, für die breite Bevölkerung hat sie nur Geringschätzung übrig. Die türkische Soziologin Nilüfer Göle hat diesen Konflikt mit dem Begriffspaar „weiße Türken“ und „schwarze Türken“ umschrieben. In eine Familie von „schwarzen Türken“ wird Erdogan am 26. Februar 1954 hineingeboren. Er wächst auf am Goldenen Horn von Istanbul, im ärmlichen Hafenviertel Kasimpasa, auf dessen Straßen das Recht des Stärkeren regiert.

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