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Carlos Ruiz Zafóns neuer Roman : Mir ist so literarisch wohl als wie neunhundert Seiten

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Der Vorteil: Von diesem Zeitpunkt an geht es schneller. Ruiz Zafón kann seine Stärken ausspielen und eine flotte Handlung in pittoreskem Setting abspulen, das sowohl an schauerromantische Großstadtbilder des neunzehnten Jahrhunderts als auch an deren Verfilmungen im zwanzigsten erinnert. Seine Sprache ist glatt und widerstandsarm: Wen es nicht stört, dass große Gebäude zwangsweise wie Kathedralen oder gestrandete Schiffe aussehen, wird durch sie hindurchgleiten wie auf der Rolltreppe; manche der Dialoge, besonders die Einlassungen Fermíns, dem „pikaresken Geist“ des Zyklus, sind flott, frech und pikant. Es wimmelt von romanesken Gestalten, weisen Bibliothekaren, habgierig-lüsternen Bankiers, grausamen Polizeioffizieren, eleganten Zigeunerfürsten; auch die Handlung entwickelt Spannung, als einige Figuren ihre Masken fallen lassen und andere plötzlich in Todesstarre verfallen.

Ohne den Spaß zu verderben, kann verraten werden, dass Alicia entdeckt, welch dunkle Vergangenheit der gesuchte Minister hat – Gefängnisdirektor, Kinderschacherer –, und dass er von seinen Opfern in die Falle gelockt wurde. Der Clou an der Geschichte ist das nicht: Er besteht darin, dass letztlich das Regime schuld ist, es sich aber erstens in der Aufarbeitung selbst beschädigt und zweitens, Alicia sei Dank, nicht ungestraft davonkommt.

Glühende Verehrer des katalanischen Bestseller-Autors werden die Längen nicht abschrecken, das Stadt-Ambiente ist ihnen für das Lesevergnügen vermutlich ähnlich wichtig wie der Plot. Sie werden Ruiz Zafón auch die repetitiven Erklärungen und Beschreibungen verzeihen (die den Vorteil haben, dass man den Roman ohne Kenntnis der Vorgänger versteht) sowie den langatmigen Epilog, der die Nachgeschichte erzählt, den Zyklus resümiert und erläutert, wie es zur Niederschrift kam. Neben der krachenden Auflösung hat „Das Labyrinth der Lichter“ die Funktion, so gut wie alle Figuren des Zyklus noch einmal zu evozieren und in einem Gruppenbild anzuordnen.

Abschließend wird dem Leser vor Augen geführt, welch zentrale Rolle rare Bücher und Manuskripte sowie obskure, aber geniale Schriftsteller spielen, die Opfer des Regimes geworden oder auf rätselhafte Weise verschwunden sind. „Der Schatten des Windes“ baute bereits auf demselben Rezept auf, indem der Roman die Suche nach dem mysteriösen Kultautor Julian Carax ins Zentrum stellte. Den in Ruiz Zafóns Romanen geschilderten Werken und Schriftstellern ist gemein, dass sie stets nur einer kleinen Gemeinde von Kennern bekannt und immer bedroht sind. Auffällig ist auch, dass die Zentralachse des Zyklus der besagte Friedhof der vergessenen Bücher ist, eine ebenfalls nur Eingeweihten bekannte Bibliothek, in der Werke gerettet werden. Das Paradoxon von Ruiz Zafóns Texten ist dem der Esoterik analog: Sie inszenieren ein Geheimwissen, betreiben einen Kult des raren Objektes, obwohl sie auf Bedingungen aufbauen, die dem widersprechen, ja selbst etwas darstellen, das ihm völlig entgegensteht. Denn Unterhaltungsliteratur wie jene Ruiz Zafóns ist Feuilletonschmöker aus der Presse Eugène Sues und Postkartenliteratur aus dem Bildersud Hollywoods: Sie baut auf massenmedialer Verbreitung und Rezeption auf, in Motiven und Sprache ist sie noch im Lokalkolorit so universell und unspezifisch wie möglich. Mit anderen Worten: Ruiz Zafóns Schinken würden nie im „Friedhof der vergessenen Bücher“ landen, von dem sie schwadronieren, sie lachen einem aus tausend Bücherregalen entgegen.

Es ist ein Rätsel und ein Ärgernis, warum Autoren, die mit anspruchsvoller Literatur so wenig am Hut haben wie Ruiz Zafón, Joël Dicker und – auf harmlose und viel sympathischere Weise – auch Walter Moers, derartig obsessiv Bücher- und Autorenverehrung betreiben. Man möchte ihnen zurufen: Keiner zwingt euch, Dante, Rabelais, Corneille, Goethe und Joyce nachzueifern – aber dann schmückt euch auch nicht mit ihren Federn. Ist das zu viel verlangt? Aber vermutlich gehört Bücher- und Autorenfetischismus zu den Kompensationsformen postliterarischer Spaßkultur, die man ertragen muss, wenn man Schauerliteratur im Taschenformat genießen möchte.

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