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Buch über den Ursprung der Welt : Bis unten hin alles voller Schildkröten

Simulation des Urknalls im Labor der CERN Bild: AFP

Jim Holt will die Frage klären, warum die Welt existiert. Mit erfrischender Neugier befragt er die Einsteins unserer Zeit. Ein höchst unterhaltsames Buch mit einem etwas enttäuschenden Schluss.

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          Das Grundproblem dieses Buchs kennen wir aus Woody Allens Film „Der Stadtneurotiker“. Da sitzt der Grundschüler Alvy Singer mit seiner Mutter auf der Couch eines Psychiaters und stellt deprimiert fest: „Das Universum expandiert!“ Irgendwann werde es zerbrechen und in nichts zerfallen. Worauf die Mutter sagt, das gehe ihn gar nichts an, das hier sei Brooklyn, hier expandiere nichts. „Und das wird es auch in Milliarden Jahren nicht tun“, assistiert der Psychiater und fügt hinzu: „In der Zwischenzeit aber müssen wir versuchen, das Leben zu genießen!“ Die Auseinandersetzung mit dem Unendlichen gefährdet die Gesundheit, das sagte schon Goethe.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Spätestens im Übergang zum Erwachsenenalter schafft man es entweder, sich die Frage, warum die Welt existiert, aus dem Kopf zu schlagen, oder man wird Kosmologe, Philosoph, vielleicht auch deprimiert. Der Wissenschaftsjournalist Jim Holt hat über die Frage „Gibt es etwas oder nichts?“ ein Buch geschrieben, das über Wochen auf der Bestsellerliste der „New York Times“ stand. Wie erklärt sich der Erfolg dieses Buches - durch seinen Stoff oder seine Form?

          Nur seltsame Antworten sind erlaubt

          Holt behandelt seine Ausgangsfrage auf hohem gedanklichen Niveau. Er ist kein Richard David Precht. Philosophische Grundbegriffe werden nicht mehr groß definiert oder über die Hintertreppe erklärt, Grundkenntnisse in formaler Logik vorausgesetzt. Natürlich wird jedem vernünftigen Leser klar sein, dass „Eine philosophische Detektivgeschichte“, so der deutsche Untertitel, auf der Suche nach dem Geheimnis der Existenz Zeitverschwendung ist. Die Wissenschaft hat diese Fragen in Jahrhunderten nicht überzeugend beantwortet, warum sollte es dieses Buch tun?

          „Wir sind mindestens fünf Einsteins von der Antwort entfernt.“ Dieses Zitat von Martin Amis stellt Holt an den Anfang seiner Suche nach den größten Einstein-Karätern unserer Zeit. Philosophen, Naturwissenschaftler und Theologie sollen helfen, das Rätsel zu knacken. Alle besuchten Denker erweisen sich als ausgemachte Exzentriker, die an exzentrischen Orten wohnen. Und wenn ihre Gedanken zu abstrakt werden, schildert Holt, was der Befragte im Gespräch mit ihm gerade zum Lunch isst, wie er seine Gegner verspottet und wie erstaunlich viel Alkohol er vertragen kann. Außerdem gilt das Axiom Robert Nozicks: „Jemand, der eine nicht seltsame Antwort auf die Frage (nach dem Ursprung der Welt) vorschlägt, zeigt, dass er die Frage nicht verstanden hat.“

          Eine der schönsten Antworten wird von Holt selbst überliefert, der berichtet, wie er einmal einem bekannten Zen-Mönch die Ursprungsfrage gestellt habe und dieser ihm als Entgegnung auf den Kopf schlagen wollte, weil er dachte, die Frage sei ein paradoxer Koan, bei dem es auch mal körperlich zugehen kann. Und eine der skurrilsten Antworten stammt immer noch von der Zuhörerin, die sich bei einem Vortrag Bertrand Russells mit der These zu Wort meldete, die Welt sei eine Scheibe, die von einer Schildkröte getragen werde. Auf Russells Rückfrage, wer denn die Schildkröte trage, antwortete sie, diese stehe auf anderen Schildkröten, „bis unten hin“.

          Wer ist der kosmische Spitzenkandidat?

          Wobei diese Anekdote das Kernproblem der Frage nach dem Ursprung der Welt mustergültig darlegt: Kaum hat man einen Grund unserer Existenz gefunden, den Urknall zum Beispiel, kann man auch diesen wieder nach seinem Ursprung befragen. Kommt er aus dem Nichts? Und wenn ja: Was ist der Ursprung des Nichts? Gibt es Phänomene, die sich selbst erzeugen und selbst begründen? Und lässt sich das Ergebnis noch wissenschaftlich bestimmen oder gehört es schon dem Glauben an?

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