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Boris Cyrulnik: Scham : Eine Art innere Gefangenschaft

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Ist das Psychologie? Oder doch eher meditative Poesie? In seinem Buch „Mourir de dire la honte“ - die deutsche Übersetzung trägt den vergleichsweise groben Titel „Scham. Im Bann des Schweigens“ - greift der bekannte französische Psychiater Boris Cyrulnik ein weitreichendes Thema auf. Außerdem erfindet er eine besondere Sprache. Sie ist eigenartig langsam, auf leise Art ausdrucksvoll und vor allem: Sie vermeidet psychologisierende Klischees.

          Cyrulnik ist Traumaforscher. Die seelische „Verletzung“, die man sich allzu leicht wie einen körperlichen Defekt vorstellt, fasst er jedoch von seiner sozialen Seite her auf: als Prozess der Beschämung und als eine Art innere Gefangenschaft. Eine unausgesprochene, weil unaussprechliche, die anderen zurückprallenlassende Erfahrung gräbt sich ein. Dies zu verbergen errichtet eine Schwelle. Das Unausgesprochene quält so zweifach: weil man es nicht teilen kann, aber auch, weil die Scham zu Verheimlichungen zwingt. Die Kommunikation gerät in die Nähe der Lüge. Das Unausgesprochene wird „Einfluss auf unsere Beziehung haben, da ich die Worte, die ungesagt bleiben ... in meinem tiefsten Inneren unablässig wiederhole“. Ich sehe, wie die anderen mich sehen würden, würde ich reden. Und ich sehe, wie ich ihnen gegenüber erbärmlich manövrieren muss, um den Blick, den ich fürchte, zu meiden. Der Beschämte hasst sich dafür.

          In einer Krypta von Ausdruckslosigkeit

          Mit seiner Theorie der Scham schlägt sich Cyrulnik auf die Seite der Sozialphilosophie und weist Modelle einer „Natur“ der Scham wie auch alle Kausaltheorien zurück. „Die Scham ist nicht durch eine Tatsache selbst begründet, sondern entsteht durch einen inneren Diskurs, der diese Tatsache beurteilt.“ Es geht also um ein kulturelles Gefühl, nicht um etwas, das aus Körper, Seele oder Hormonen käme. Wut oder Euphorie lassen sich durch Substanzen auslösen. Einen Stoff, der Scham zur Folge hat, gibt es hingegen nicht.

          Das Gefühl bedarf der persönlichen Vorstellung, und es ist nicht nur von gesellschaftlichen Bewertungen abhängig, sondern auch von meinem ganz eigenen Erfahrungsleben: „In meinem eigenen unsichtbaren Theater inszeniere ich das, was ich nicht zu sagen vermag, weil ich große Angst habe, es könnte ausgesprochen werden.“ Wie bei Sartre ist es auch bei Cyrulnik der Blick des anderen - aber eben: der imaginierte Blick, das, was ich mir vorstelle, das der andere sieht - die Urszene der Scham. Hinzu kommt dann aber der Ruin der Sprache. Jemand höhlt sich aus, richtet ein imaginäres Gericht in sich ein, verschließt seine Scham „in einer Krypta von Ausdruckslosigkeit“.

          Scham hilft gegen schlechtes Gewissen

          Scham hat keine eigentliche Funktion. Auch das unterscheidet sie von anderen Gefühlen. Und sie ist steigerbar, denn sie ist auf sich selbst anwendbar: Scham ist gekoppelt mit der Enttäuschung von Erwartungen, die ich mit den anderen teile, aber nicht erfüllen kann, weshalb es naheliegt, dass ich mich nicht nur für etwas schäme, sondern auch für meine Scham. Und dann dafür, dass ich auch dies sehe, aber, ohne die Schwelle zu übertreten, wiederum nichts ändern kann und so fort.

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