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Bücher 2013 : Unsere liebsten Lektüren

  • Aktualisiert am

John Williams, 1922 in Texas geboren und 1994 gestorben, war ein großer Unzeitgemäßer. Zu Beginn der sechziger Jahre erschien mit „Hasenherz“ John Updikes erster Roman der „Rabbit“-Reihe, die zum Panorama der amerikanischen Mittelschicht werden sollte. Am Ende des Jahrzehnts, das von Woodstock, dem Vietnam-Krieg, der sexuellen Revolution und der Mondlandung geprägt war, sorgte Philipp Roth mit der freizügigen Sprache von „Portnoys Beschwerden“ für einen veritablen Skandal. Genau dazwischen, 1965, erschien „Stoner“, ein Gast wie aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Welt.

Williams erzählt die unspektakuläre Lebensgeschichte eines Farmerjungen aus ärmlichsten Verhältnissen, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs auf dem College von der Liebe zur Literatur getroffen wird wie von einem Blitzschlag: Er bleibt sein Leben lang erleuchtet und geblendet zugleich. „Stoner“ ist ein Roman über die Liebe, der die wohl schrecklichste Schilderung einer Hochzeitsnacht enthält, die je geschrieben wurde, und ein Buch über ein Leben voller Entsagungen, dass seine Erfüllung auf verstörende Weise gerade in seinen grausamsten Niederlagen zu finden scheint. „Stoner“ ist ein Meisterwerk. Was dieser Roman über den Menschen zu sagen hat, ist wahr und wie jede Wahrheit voller Abgründe.

Hubert Spiegel

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Lektionen unter Philosophen

Sonderdrucke von Aufsätzen sind die Währung gelehrten Austauschs. Mit einer Liste solcher Separata beginnt 1961 der von Herbert Kopp-Ostenbrink und Martin Treml herausgegebene Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes. Gleich zwanzig von ihnen nämlich erbittet sich Taubes, über dessen Berufung auf einen Lehrstuhl für Judaistik an der Freien Universität Berlin damals bereits verhandelt wird, vom seinerzeit noch in Gießen lehrenden Philosophen Hans Blumenberg. Dass Taubes seinerseits auch in den nächsten Jahren nicht viel Gedrucktes im Gegenzug anbieten kann, wird später von Blumenberg immer wieder einmal aufs Tapet gebracht.

Dann nämlich, wenn er den umtriebigen Taubes - der um das philosophisch-intellektuelle Gewicht Blumenbergs durchaus weiß, ihm auch den Weg zu Siegfried Unseld und Suhrkamp ebnet - in eher strenge Behandlung nimmt. Anlässe dazu gab es einige: wenn etwa Blumenberg Taubes’ Diskussionsvoten für die Sammelbände der legendären Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ zu vorlaut findet. Oder Taubes auf die Idee verfällt, den Doyen seines Fachs - Gershom Scholem - zur Mitarbeit an einer Festschrift einzuladen, in der Scholems Kritiker dessen Werk zur höheren Ehre des Jubilars zerlegen sollten. Oder auch Taubes’ demonstrativer und halb öffentlich angebrachter Hinweis, keinen persönlichen Kontakt mit Carl Schmitt zu pflegen.

Es sind nicht zuletzt solche Anlässe, bei denen Blumenberg seine Kunst der schneidend klaren, an den Rändern ironisch aufblitzenden, dabei aber doch nie verletzenden Formulierungen unter Beweis stellt. In Briefen, die diese Korrespondenz, so viele Aufschlüsse sie auch zur intellektuellen Geschichte der sechziger und siebziger Jahre beisteuert, gleichzeitig über solchen Gebrauch auch hinausheben. Fassbar wird in ihnen nämlich, dass Stil eine Frage der Haltung ist. Selten bekommt man es so eindrucksvoll vorgeführt wie bei Blumenberg.

Taubes besteht da übrigens nur mit Not. Als er 1987 stirbt, schreibt Blumenberg eine kleine Glosse, die von einem Nachruf in dieser Zeitung ihren Ausgang nimmt - über den Emphatiker der Kritik, der sich selbst diesem Problem entzog, „indem er nichts verfertigte, was hätte kritisiert werden können“. Schneidend auch sie, und doch nicht das Beil, das fällt - vor allem aber „privatissime“, nur für das eigene Archiv aufgeschrieben. Auch das noch eine Lektion in Takt.

Helmut Mayer

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