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Buchmessengastland : Was denkt eigentlich der Möbelpacker?

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Wo sind wir nur gelandet? Der Blick vom Flughaengebäude der Stadt Bergen fällt auf ein Schild, das die Zweifel noch verstärkt. Bild: Jan Wiele

Literaturgrüße aus dem Buchmessengastland: In der norwegischen Stadt Bergen blühen Lyrik, Prosa und Jazz – obwohl Autoren wie Tomas Espedal ihre Heimat manchmal verfluchen.

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          Der Schriftsteller Tomas Espedal ist längst so etwas wie der Showman des norwegischen Gastland-Auftritts, und er spielt seine Rolle gut, erst recht auf dem Pflaster seiner Heimatstadt Bergen. Espedal ist 57 Jahre alt, hat in Kopenhagen und Oslo gelebt, ist aber seit einigen Jahren wieder zurück am Inneren Byfjord. Mit „Bergeners“ hat er jüngst nach dem Vorbild von Joyce’ „Dubliners“ einen Kurzgeschichtenband veröffentlicht, der unter anderem die örtliche Literatenszene witzig beschreibt. Espedal scheint in ihr wirklich jeden zu kennen; man geht offenbar auch gemeinsam trinken – „Ein gutes Fest dauert bis morgens früh um neun“, heißt es im Buch. Oder man trifft sich im Café Opera, das direkt neben dem Jugendstilbau des norwegischen Nationaltheaters liegt und selbst Platz für kleinere Vorführungen bietet.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war schon früher so, als Espedal an der „Skrivekunstakademiet“ unterrichtete, einer Schreibschule für angehende Autoren. Karl Ove Knausgård, heute weltberühmt durch sein autobiographisches Mammutprojekt mit dem prekären Titel „Mein Kampf“, war dort Ende der achtziger Jahre einer seiner Schüler. An diesem Abend ist das Café Opera Schauplatz zur Vorstellung einer Anthologie von zwölf Bergener Autoren mit dem Titel „Hinter dem Regen“, der auf die angeblich regenreichste Stadt Europas anspielt. In sehr geringer Auflage wurde das von der Stadt Bergen herausgegebene Buch auch ins Deutsche übersetzt.

          Cecilie Løveid, hier 2017 mit dem „Brageprisen“

          Unten im Café gibt es gerade Freejazz von vier Saxophonistinnen – Bergen ist auch für seine Musikszene bekannt, die neben Ole Bull und Edvard Grieg ein bedeutendes Jazzfestival hervorgebracht hat. In der oberen Etage bei Bier oder spätem Kaffee und Kuchen sieht man auf einem Barhocker Espedal als Moderator zwischen zwei Lyrikerinnen, Cecilie Løveid und Hildegunn Dale. Die 1951 geborene Løveid ist vor ein paar Jahren ebenfalls von Kopenhagen nach Bergen zurückgekehrt und wird von Espedal dafür gefeiert. Er wird sie später im Gespräch als die Friederike Mayröcker Norwegens bezeichnen, so wie er ohnehin nie mit Lob für seine Kollegen geizt.

          Løveid hat schauspielerisches Talent, die Klangqualität ihrer Gedichte erschließt sich auch dem Nichtnorweger unmittelbar. Immer wieder erklingt ein Wort namens „Flyttemann“, das sie sehr weich und mit hellem „L“ ausspricht. Es bedeutet „Umzugsmann“ oder „Möbelpacker“. Ein ganzer Zyklus ihrer Gedichte („Umzugsreste“, 2011 auf Deutsch erschienen) dreht sich um das ewige Umziehen des Lebens und spielt gleichzeitig mit erotischen Komponenten des starken Möbelpackers, dem das lyrische Ich einerseits verfallen, andererseits spielerisch überlegen scheint.

          Kritischer Blick: Tomas Espedal in Bergen

          „Du bist schön, wenn du leer bist“, sagt der Möbelpacker, und man mag die Phantasie spielen lassen, in welcher Situation er den Satz sagt. An diesem Abend wird er vorgetragene von dem jungen Norwegischübersetzer Karl Clemens Kübler, der sich durch eine feine Zurückhaltung auszeichnet. Mit einer behutsamen Pause zwischen den beiden folgenden Zeilen sagt er: „In einer warmen Augustnacht ist es schön auf den Möbelpacker zu warten / Denkt wohl der Möbelpacker“. Løveid selbst präsentiert diesen Gedichtzyklus mit dem Gestus einer Grande Dame und doch mit einem verschmitzten Grinsen.

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