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Buchmesse-Gastland Katalonien : Das große Fremdeln

Mit einem Motiv Miquel Barcelós wirbt Katalonien für seinen Buchmessenauftritt Bild: Institut Ramon Llull

Mit Katalonien ist erstmals kein Land, sondern eine Region Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Aber es sieht so aus, als würden die katalanischen Autoren nur mit einer Nachwuchsmannschaft in Frankfurt antreten.

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          Als Volker Neumann, der damalige Leiter der Frankfurter Buchmesse, im März 2005 die Wahl Kataloniens zum Schwerpunktthema des Jahres 2007 begründete, war die Rede von der außerordentlichen Kreativität und internationalen Ausstrahlung der katalanischen Kultur. Als Beispiel nannte Neumann neben drei Künstlern, von denen zwei seit langem tot sind, drei Schriftsteller, die leider nicht in katalanischer, sondern in spanischer Sprache schreiben (oder schrieben, denn der erste ist ebenfalls tot): Manuel Vázquez Montalbán, Juan Goytisolo und Carlos Ruíz Zafón. Damit lag das Kind im Brunnen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dazu muss man wissen, dass der Dreiparteienkoalition in der Generalitat von Barcelona auch die Linksnationalisten der ERC angehören, denen der heftige Abwehrreflex gegenüber allem Spanischen im Erbgut liegt. Goytisolo? Der schreibt doch spanisch und wohnt in Nordafrika. Ruíz Zafón? Schreibt spanisch und hat viele Jahre in Los Angeles gelebt. Der Streit, wer nun im Herbst zur Frankfurter Buchmesse fahren darf und wer nicht, ist in den letzten beiden Jahren allerdings einer anderen Frage gewichen: wer überhaupt nach Frankfurt fahren will. Denn unter den wichtigeren Autoren der Region mehren sich die Bedenken.

          Ohne das Gesicht zu verziehen

          Sergi Pàmies etwa, Verfasser von auch ins Deutsche übersetzten Kurzgeschichten und Mitarbeiter der Zeitung „El País“, sagte kürzlich klar und deutlich, dass er die Einladung des Ramon-Llull-Instituts, das mit der Organisation des Messeschwerpunkts betraut ist, nicht anzunehmen gedenke. In seiner Antwort hielt sich Pàmies, der seine Werke in katalanischer Sprache schreibt, an die Formel von Melvilles Aktenkopisten Bartleby, der auf jedes Ansinnen antwortet: „Ich möchte lieber nicht.“ Auch er, Pàmies, „wolle lieber nicht“. Und was er von der katalanischen Expedition zur Frankfurter Buchmesse halte, sei „illegal“. Weitere Erklärungen verweigerte er, außer der einen: „Illegal“ sei nicht die katalanische Expedition, sondern allein das, was er, Pàmies, von ihr halte. Ein katalanischer Ironiker, was auch seine Erzählungen beweisen. Der Titel seines neuesten Buches lautet übersetzt: „Wenn du in eine Zitrone beißt, ohne das Gesicht zu verziehen“.

          Am anderen Ende der Skala warten Autoren darauf, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Baltasar Porcel, der siebzigjährige Allround-Schriftsteller, erklärt uns, die Katalanen seien an der Reihe, schließlich hätte Spanien, als es selbst Gastland bei der Frankfurter Buchmesse war, sich nicht um seine Regionalsprachen gekümmert. Nun gehe es darum, „dass katalanische Bücher wahrgenommen und Rechte verkauft werden“. Sollte er eingeladen werden (womit er rechnen darf), werde er gern nach Frankfurt fahren. Hier und da wird übrigens erzählt, Porcel und sein ewiger Konkurrent Pere Gimferrer betrachteten sich als heißeste Kandidaten für den Tag, an dem ein Katalane den Literaturnobelpreis erringt. Da mag es sich empfehlen, in Frankfurt dabei zu sein.

          Vielleicht kommt ja der Nachwuchs mit

          Den meisten prominenten Autoren Kataloniens, zumal den spanischschreibenden, liegt solcher Ehrgeiz fern. Eduardo Mendoza antwortete knapp, über Frankfurt wolle er nicht reden. Enrique Vila-Matas darf auf der Buchmesse nicht erwartet werden, Quim Monzó dagegen schon. Juan Marsé wiederum, einer der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen spanischen Literatur, befürchtet, die spanischschreibenden Autoren würden in Frankfurt „in einen Käfig gesteckt“, ganz abgesehen davon, dass die Buchmesse Schriftstellern kein schönes Ambiente biete. „Im Ramon-Llull-Institut hat die intoleranteste Fraktion von allen den Sieg davongetragen“, sagt der Schriftsteller, „und für die möchte ich nicht den Sparringspartner abgeben.“ Mit anderen Worten: Marsé kommt ebenso wenig wie Javier Cercas, der mit „Soldaten von Salamis“ einen der bestverkauften spanischsprachigen Titel der letzten Jahre geschrieben hat.

          Natürlich ist sich Josep Bargalló, der Direktor des Ramon-Llull-Instituts, darüber im klaren, dass einige seiner wichtigsten Leute abgesprungen sind. Doch er wird wohl Optimismus verbreiten und sich bemühen, statt der Literaten die katalanische Kultur als Ganze ins Auge zu fassen. Als hätte er es geahnt, betonte der Direktor des katalanischen Kulturinstituts vor wenigen Wochen in einer Rede, man werde „stolz“ und „mit jungen Schriftstellern“ zur Buchmesse fahren. Wer wirklich ein Ticket bekommt, soll am 13. Juni bekanntgegeben werden; es dürfte die Nachwuchsmannschaft sein.

          Vor den nationalistischen Karren gespannt

          Auch Bargalló gehört den Linksnationalisten an, der politischen Formation, die sich im Ramon-Llull-Institut nach drei Direktorenwechseln in den letzten achtzehn Monaten durchgesetzt hat. Genau darin liegt das Problem, denn Schriftsteller wie Juan Marsé beklagen, das nationalistische, auf Ausgrenzung des Spanischen bedachte Programm habe sich radikalisiert. Dabei ist die Aufgabe anspruchsvoll. Sie besteht darin, das Katalanische so weit wie möglich zu propagieren, ohne anzuecken, ohne das Publikum zu überfordern oder gegen den Vertrag mit der Frankfurter Buchmesse zu verstoßen.

          Dieser Vertrag fordert Katalonien auf, in seiner Selbstdarstellung den verschiedenen kulturellen Identitäten im katalanischen Sprachraum Genüge zu tun. Nur: Wie weit dürfen oder müssen die Veranstalter dabei gehen? Von Quoten und Prozenten ist nirgendwo die Rede. Es gab auch noch nie ein Schwerpunktthema, das kein eigenes Land, sondern nur eine Kulturregion vertreten hätte. Wie der Fall Pàmies zeigt, ist die Unlust, sich vor den nationalistischen Karren spannen zu lassen, mit Händen zu greifen.

          Seit März kursiert ein Buch, das die Katalanen auf die wichtigste Repräsentationsveranstaltung ihrer Kultur seit Menschengedenken einstimmen soll: „Guia de la Fira de Frankfurt per a catalans no del tot informats“ (Führer der Frankfurter Buchmesse für nicht ganz informierte Katalanen, Verlag La Magrana, Barcelona). Der Journalist Sergio Vila-Sanjuán erzählt darin die Geschichte der katalanischen Bewerbung und ihrer politischen Verästelungen, zweifellos eine der interessantesten Veröffentlichungen im katalanischen Buchmessenjahr. Vielleicht sollte man sich einfach an Ramon Llull halten, den Philosophen, Dichter und Theologen aus dem Mallorca des dreizehnten Jahrhunderts, dem das katalanische Kulturinstitut seinen Namen verdankt. Llull beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen, darunter Latein, Hebräisch, Arabisch, Französisch, Spanisch und Katalanisch. Richtete jemand das Wort an ihn, so wird überliefert, antwortete der Gelehrte stets in der Sprache seines Gegenübers.

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