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Buchmarkt : Wie Verlage die Konkurrenz im eigenen Haus inszenieren

Der interne Konkurrenzkampf nimmt den Blick aufs Wesentliche Bild: Dumont

Auf die Aufkauflust der Konzerne folgte die Konzentration im Handel: Konkurrenzkampf ist der Buchbranche wohlbekannt. Doch in diesem Herbst gibt es dort einen Verdrängungswettbewerb, wo er vielleicht am gefährlichsten werden könnte.

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          Die Buchbranche scheint sich an Konzentrationsprozesse gewöhnt zu haben. In den neunziger Jahren ging die Angst vor den großen Konzernen um, die ein unabhängiges Haus nach dem anderen zu schlucken drohten. Aber der Appetit scheint gestillt - wie sich soeben am Beispiel des Aufbau Verlags gezeigt hat, dessen Verleger Bernd Lunkewitz sich schwertut, einen Käufer zu finden (siehe: Probleme bei Aufbau: Bernd Lunkewitz sucht Nachfolger). Der nächste Verdrängungsprozess erfolgte im Buchhandel: Ketten wie Hugendubel, Weltbild und Thalia werden immer größer. Da der Markt aber nicht wächst, werden die kleinen Buchhändler von den Filialisten verdrängt. Zuletzt hat ein Riese einen anderen Riesen geschluckt, als Thalia die fast neunzig Buchhandelsabteilungen des einstmals größten deutschen Buchhändlers Karstadt übernommen hat.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bis das Feld endgültig im Sinn der Ketten bestellt ist, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Aber am Ergebnis dieses Konzentrationsprozesses werden wohl auch bei uns Verhältnisse herrschen, wie wir sie aus den Vereinigten Staaten kennen: Neben Filialketten und dem Internetbuchhandel wird es unabhängige Buchhändler nur noch in wenigen Nischen geben. Die Marktmacht der Ketten wird ihnen erlauben, die Geschäftskonditionen noch stärker zu bestimmen, als sie dies heute schon tun: Sie diktieren die Rabatthöhe und laden Häuser wie Eichborn und Wagenbach nicht einmal mehr zu Verkaufsgesprächen. Da scheint auch die Einflussnahme auf die Programme nicht mehr undenkbar: In einem stagnierenden oder sogar schrumpfenden Markt liegt die Macht eben nicht mehr beim Produzenten, sondern bei der Distribution.

          Gefährlicher Verdrängungswettbewerb

          Und wie reagieren die Verlage darauf? Wer sich die Herbstprogramme der wichtigsten deutschen Belletristikverlage ansieht, muss sich wundern. Denn es werden immer mehr Bücher auf einen immer kleiner werdenden Markt geworfen. Auf den ersten Blick scheinen Fülle und Reichtum zu herrschen. Auf den zweiten Blick zeigt sich: Es herrschen Überfluss und Gedrängel. Der dritte Blick nimmt Anzeichen von Panik wahr.

          Dafür gibt es gute Gründe. Jeder Verleger weiß, dass das Überangebot an Titeln Buchhändler und Leser gleichermaßen überfordert. Jeder weiss auch, dass eine immer stärkere Konzentration auf immer weniger Bestseller das Geschäft bestimmt und viele Autoren aus dem sogenannten Mittelfeld, die früher vielleicht zwölftausend Exemplare verkauft haben, heute mit Mühe und Not auf drei- oder fünftausend kommen. Dennoch gibt es in diesem Herbst Verlage, die dort einen Verdrängungswettbewerb inszenieren, wo er vielleicht am gefährlichsten werden könnte: im eigenen Haus.

          Neun bei Fischer, zwölf bei Suhrkamp

          Nehmen wir S. Fischer. Mit Monika Maron, Birgit Vanderbeke, Gerhard Roth, Christoph Ransmayr, Michael Lentz, Reiner Kunze, Julia Franck, Anita Albus und Sabine Schiffner werben neun deutschsprachige Autoren gleichzeitig um Aufmerksamkeit - und dies nicht nur im Buchhandel, sondern auch im Verlag selbst. Schließlich kann keine Presse- und Marketingabteilung sich intensiv für mehr als vier oder fünf Bücher zur selben Zeit einsetzen.

          Nehmen wir den Suhrkamp Verlag: Robert Menasse, zwei Titel von Peter Handke, Dietmar Dath, Marcus Braun, Guy Helminger, Josef Winkler, Katharina Hacker, Marica Bodrozic, Durs Grünbein, Michael Krüger, Barbara Köhler, Hans-Ulrich Treichel - zwölf deutschsprachige Autoren in diesem Herbst.

          Oder nehmen wir den Hanser Verlag, wo Michael Köhlmeier gegen Pascal Mercier, Martin Mosebach gegen Botho Strauß, Thomas Glavinic gegen Arno Geiger, Ludwig Harig gegen Karl Heinz Boher und Heinz Schlaffer und Johannes Kühn gegen Joseph Zoderer und Jan Volker Röhnert antreten muss. Dabei hätten es leicht mehr als dieses Dutzend werden können: Die neue Essaysammlung von Ilija Trojanow, der im vergangenen Jahr mit „Der Weltensammler“ zu den erfolgreichsten Hanser-Autoren gezählt haben dürfte, erscheint im Blessing Verlag. Hanser hätte das Buch erst im Frühjahr 2008 gebracht, aber so lange wollte Trojanow nicht warten.

          Man müsste wieder mit ihm rechnen

          Andere Verlage gehen mit ihrem Autorenkapital vorsichtiger um. Rowohlt, traditionsgemäß stark auf anglo-amerikanische Literatur konzentriert, bringt in der Vorschau abwechselnd einen deutschsprachigen und einen internationalen Titel. Helge Malchow, Verleger von Kiepenheuer & Witsch, rät zur Zurückhaltung: „Man muss die Autoren davor schützen, dass der Konkurrenzkampf im eigenen Haus unfair wird. Mehr als vier deutschsprachige Autoren auf einmal verträgt in der Regel kein Programm.“

          Bei aller Freude über den reichen Bücherherbst: Es soll schon Karpfenteiche gegeben haben, in denen die Hechte vor lauter Heringen gar nicht mehr zu sehen waren. Und der Ausweg aus der ökonomischen Krise kann wohl auch nicht darin liegen, möglichst viele Titel schlecht zu verkaufen. In diesem Herbst erscheint bei DuMont (Alexa Hennig von Lange, Helmuth Krausser, John von Düffel) auch ein Buch mit dem Titel „Wie kommen die Bücher auf die Erde?“ Der Untertitel zählt die wichtigsten Beteiligten auf: „Über Verleger und Autoren, Hersteller, Verkäufer und das schöne Buch.“ Einer fehlt in dieser Aufzählung: der Leser. Man müsste vielleicht wieder mehr mit ihm rechnen.

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