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Buchmarkt : Alle lesen „Die Pest“

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Krisengewinnler: Camus’ „Die Pest“ und dicke Bücher wie Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ verkaufen sich gerade besonders gut. Bild: dpa

Was liest man während einer Pandemie? Buchhändler berichten über Krisengewinnler, Notkäufe und unerfüllbare Wünsche.

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          Was lesen die Menschen, wenn sie wegen einer Pandemie ihre Wohnung nicht verlassen sollen? Man könnte aus aktuellem Anlass einen Klassiker nachholen: „Die Pest“ von Albert Camus. Thea Dorn hatte das Buch im „Literarischen Quartett“ empfohlen. Nur: „Die Pest“ ist ausverkauft. Weder im Laden noch online und nicht mal antiquarisch ist das Buch erhältlich, weder gebunden noch als Taschenbuch. Bei Amazon tauchte vergangene Woche vorübergehend ein gebrauchtes Exemplar auf – für 1685,08 Euro.

          „Wir drucken gerade die 88. Auflage. Die Nachfrage ist ungebrochen, zwei weitere Nachauflagen sind bestellt“, berichtet der Rowohlt-Verlag, der die Werke des 1960 verstorbenen französischen Autor herausbringt. Auch in der Buchhandlung Schutt im sonst so belebten Frankfurter Stadtteil Bornheim fragen Kunden laufend nach der „Pest“. Inhaberin Angelika Schleindl muss gerade wieder eine Anruferin vertrösten – ihr Laden ist zwar geschlossen, Bestellungen werden aber telefonisch entgegengenommen.

          An den Tagen vor der Schließung ging es zu „wie an Weihnachten“, sagt Schleindl. Die Kunden hätten „stapelweise“ Bücher gekauft, „vor allem alles was dick ist“. „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili mit fast 1300 Seiten zum Beispiel, Wälzer von Ken Follett, Serien aller Art, je mehr Teile desto besser. Auch gesammelte Werke klassischer
          Autoren im Schuber wurden aus dem Laden geschleppt. Romane über Katastrophen und Dystopien schreckten die Kunden nicht ab, gefragt sind auch Sachbücher über Epidemien.

          Die Frankfurter Buchhandlung Ypsilon verkauft auffällig viele Schulbücher, Unterrichtsmaterialien oder Bücher für Referate. „Die Büchereien sind zu, aber die Schulen schicken Arbeitsaufträge“, sagt Buchhändler Wolfgang Kiekenap. Was gar nicht geht, sind Reiseführer. „Am Tag vor der Schließung haben wir rund 400 Bücher verkauft“ sagt Kiekenap, „darunter war ein einziger Reiseführer: für den Vogelsberg“. Das Gebiet liegt direkt vor der Haustüre.

          „Zu den Toptiteln bei uns zählen Lutz Seilers ‚Stern 111‘ und Delia Owens ‚Der Gesang der Flusskrebse‘“, berichtet eine Sprecherin der Buchhandelskette Hugendubel. Besonders stark nachgefragt würden neben Romanen vor allem Lernhilfen, Spiele, Kinderbücher. Auch bei Amazon schossen Titel auf die vorderen Ränge, mit denen sich kleine Kinder beschäftigen lassen: Lern- und Übungsblöcke für die Grundschule, Mal- und Ausschneide-Bücher für den Kindergarten.

          Um die Kunden trotz Schließung zu halten, werden Buchhändler mobil. Sowohl bei Schutt als auch bei Ypsilon ist immer ein Mitarbeiter im Laden und nimmt Bestellungen online oder telefonisch entgegen. Weil die Stammkunden meist in der Nähe wohnen, liefern die Händler persönlich aus, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. „Natürlich kontaktfrei“, sagt Kiekenap: Bücher in Papiertüten gegen Geld im Umschlag.

          „Bücher sind Lebensmittel“, hatte zwar die Vorsteherin des Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, argumentiert: „Sie verhindern, dass Menschen, denen ihre Sozialkontakte fehlen, durchdrehen.“ Aber der Shutdown kam trotzdem. Gerade für die kleinen Buchhandlungen sei die Situation „kritisch bis existenzgefährdend“, sagt Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Angelika Schleindl und Wolfgang Kiekenap berichten von ermunternden Anrufen ihrer Stammkunden, aber auch von dem höheren Aufwand und der Unsicherheit, wie lange sie so über die Runden kommen.

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