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Buchhandel : An der Rabattgrenze

Aber vielleicht sind Buchhandlungen dieses Zuschnitts Auslaufmodelle? Vielleicht geht der gesellschaftliche Auftrag der Aufklärung und Wissensvermittlung, dem sie sich - häufig auf der Basis von Selbstausbeutung - verschrieben hatten, demnächst ins Leere? Hat am Ende der lesende Buchhändler ausgedient? „Thalia“, sagt Weiß-Margis, „ist es doch völlig Wurscht, was sie verkaufen.“ Ganz im Gegenteil, würde Michael Busch auf diesen Vorwurf anworten. Thalia verstehe „die Buchhandlung als Bühne für das Kulturgut Buch“. Kompetenz werde heute beim Kunden mit Größe gleichgesetzt; man gehe zu Thalia zum Erlebniskauf.

Nische statt Stapelware

Emil Jakob, der mit seiner alteingesessenen Buchhandlung am Nürnberger Hefnersplatz Auge in Auge mit den Giganten Thalia und Hugendubel zu tun hat, ist längst den Weg in die Nische gegangen, den Thalia der Konkurrenz gern empfiehlt. Auf Stapelware verzichte er, statt dessen habe er das Sortiment mit Sachbüchern vertieft, etwa im Bereich der Technik, Luftfahrt, Eisenbahn. Seine Kunden, sagt Jakob, schätzten die labyrinthische Verkaufsfläche in zwei denkmalgeschützten Häusern; das seien Leute, die „Marktschreierei“ ablehnten. Die Masse aber, vermutet er, wolle „das Bad in der Großfläche“; die Zahl der Käufer, die beraten werden wollten, nehme ab. Er sieht den Wandel im Handel als Ausdruck eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses. Sentimentalität? Fehlanzeige.

So ändern sich die Theater und die Vorstellungen, wie sie zu bespielen seien. Es ist nicht nur der Herr der Bücher bei Thalia, der darauf hinweist, daß der Buchhandel die Quittung dafür bekommt, sich viel zu spät auf die neuen Bedürfnisse der Kunden eingestellt zu haben. Die Branche sei lange gegen den Trend im Einzelhandel gewachsen, viele hätten sich daran gewöhnt, nur den sprichwörtlichen Löffel vor die Tür zu halten - und dann habe es Brei darauf geregnet. Unlängst war Michael Busch mit seinen Führungskräften in den Vereinigten Staaten, Feldforschung in Sachen Konkurrenz. Sein Resümee: „Der Auftritt von deutschen großflächigen Buchhandlungen wie Hugendubel, Mayersche oder Thalia ist heute deutlich attraktiver als jener der amerikanischen Großketten wie Barnes & Noble oder Borders.“

Noch keine Marktmacht

Der Marktanteil Thalias sei noch nicht beängstigend. Busch: „Das Thema Marktmacht wird stark überstrapaziert. Bei fünf Prozent Marktanteil wird es Jahre dauern, bis sich Fragen stellen wie bei der Übernahme von Heyne durch Random House.“ Im Vergleich zum Konzentrationsgrad auf dem Internetsektor - den Amazon deutlich dominiert - sei Thalia „eine kleine Nummer“. Und eines solle man im Dauerlamento über Verdrängung nicht vergessen: Thalia habe nicht unwesentlich zu einer Markterweiterung und damit zu mehr Arbeitsplätzen beigetragen.

Das Buch ist kein Parfüm. Noch verfügt die Branche über eine gesetzlich geregelte Preisbindung - zu der sich auch Thalia bekennt. Busch verweist auf die erfolgreiche Integration von Traditionshäusern, die wie Kober-Löffler (Mannheim), Campe (Nürnberg) oder Bouvier-Gonski (Bonn) weiter unter ihrem alten Namen firmieren. Da habe sich doch gezeigt, daß die Thalia-Kultur liberal genug sei, auch solche Solitäre aufzufangen. „Wer den Menschen ihre Geschichte nimmt, nimmt ihnen ihr Selbstbewußtsein“, da ist sich Michael Busch sicher. Auch Bücher hatten einmal eine Geschichte, bevor sie Produkte wurden. Man mag das bedauern, verpflichtend ist diese Haltung nicht.

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