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Buchhandel : An der Rabattgrenze

Thalia, das gilt vielen in der Verlagsbranche als ausgemacht, wolle den stationären Buchhandel aushungern. Und zwar mit den Methoden, mit der die hauseigene Parfümerie-Kette Douglas Furore gemacht hat. Die Anfangserfolge geben Thalia wirtschaftlich recht: Längst haben sich die Hagener vom nächsten Konkurrenten, der Münchner Firma Hugendubel, abgesetzt. Thalia gehört zu drei Vierteln dem Mischkonzern Douglas. Seit der Fusion anno 2001 mit der Namen und fünfundzwanzig Prozent Anteile einbringenden Hamburger Traditionsbuchhandlung Thalia (im Besitz der Familie Könnecke) hat sich die Firma zum unangefochtenen Branchenprimus gemausert.

Im Jahr 2004 setzte Thalia 461 Millionen Euro um - auf knapp einhunderttausend Quadratmetern Verkaufsfläche in 102 Filialen in 63 Städten. Das Expansionstempo ist hoch, 2006 sind mindestens sechs Neueröffnungen geplant. Die lange gültige Abmachung, anderen Platzhirschen nicht ins Gehege zu kommen, ist aufgekündigt. Ziel ist die nationale Marke.

Wer sich in diesen Vorweihnachtstagen auf den Weg ins westfälische Hagen macht, erlebt einen aufgeräumten Bereichsvorstand Bücher der Douglas Holding AG. Michael Busch, seit mehr als einem Dutzend Jahren bei Douglas, ist studierter Volkswirt und Politologe. Im Konzern hat er eine glänzende Karriere gemacht, die Buchsparte ist mittlerweile nach der Parfümerie der zweitwichtigste Umsatzbringer des Konzerns.

„Ein gewisses Gleichgewicht“

Als hauptberuflicher Düsseldorfer vermeidet er den Eindruck, hier agiere ein vom Erfolg Besessener. In seinem schmucklosen, rundumverglasten Eckbüro steht eine Pappmache-Ente, die einen Golfschläger schwingt. Während im Erdgeschoß eine lautstarke Weihnachtsfeier ihren Lauf nimmt, spricht Busch mit gewinnendem Lächeln über Partnerschaft und Gegenseitigkeit. Seine Lieblingsvokabel lautet „konkurrenzieren“. Den umstrittenen Brief könne man „so oder so“ lesen: „Viele unserer Partner schätzen den professionellen Umgang in der Gesprächsvorbereitung.“ Im übrigen sei man als Händler auf die Verlage angewiesen, man müsse eine gemeinsame Kompromißlinie finden.

Die zunehmende Macht des Handels gegenüber der Produzentenseite empfindet Busch naturgemäß nur als folgerichtig. Die Verlage seien jahrzehntelang daran gewohnt gewesen, daß der Handel ihre Bücher entgegennehme und verteile - „heute herrscht hier ein gewisses Gleichgewicht“. Es sei eben nicht so, daß Thalia seine Filialen fernsteuere: „Jeder unser Buchhändler vor Ort kann bestellen, was er für seine Kunden für richtig hält. Das Bild, das von einem scheinbar existierenden Zentraleinkauf bei Thalia in der Öffentlichkeit herrscht, ist falsch. Wir sind auf eine Weise offen, wie es andere eher nicht sind.“

„Kein fairer Wettbewerb“

Freilich, die Konditionen und verdeckten Werbekostenzuschüsse, die sich Thalia holen kann, sind für kleinere Marktteilnehmer unerreichbar. „Das ist kein fairer Wettbewerb, dagegen kann keiner mehr anstinken“, wettert etwa Susanne Weiß-Margis von der Klarenbach-Buchhandlung in Köln-Braunsfeld. Ihre mit siebzig Quadratmetern geradezu klassisch übersichtliche Vorstadtbuchhandlung bekommt demnächst in der Nachbarschaft, im ausgebauten Weidener Rhein-Center, noch mehr Konkurrenz durch Thalia - auf dann 1200 Quadratmetern. Bange ist ihr trotzdem nicht: „Mein Plus bin ich“, sagt sie und zählt auf Kundentreue: „Ich komme hier ja direkt hinterm Pfarrer.“

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