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Buchhandel : Aber der Geist kommt mit

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Der Börsenvereins-Chef wird Angestellter: Dieter Schormann Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Dieter Schormann schließt seine Buchhandlung und kommt in der Thalia-Filiale nebenan unter. Daß ausgerechnet die Galionsfigur der Buchhändler-Zunft das Schicksal erleidet, das viele fürchten, hat besondere Symbolkraft.

          Es ist noch keine vier Wochen her, da ließ sich der Vorsteher des Börsenvereins, der Gießener Buchhändler Dieter Schormann, mit einem Festakt zum sechzigsten Geburtstag feiern. Der hessische Landesvater Koch und die Frankfurter Stadtmutter Roth waren aufgeboten, um dem Spitzenrepräsentanten der deutschen Buchbranche ihre Aufwartung zu machen. Ein Abend, ganz nach dem Geschmack des sich erfolgreich als „bunter Hund“ stilisierenden Schormann.

          Dabei gab es zum Feiern so recht keinen Grund, denn der Jubilar wußte längst, was auf ihn zukommt: Als Inhaber der Ferber'schen Universitätsbuchhandlung in Gießen war ihm, wenn man glauben darf, was seine lieben Spatzenkollegen seit Jahren von den Dächern pfeifen, das unternehmerische Glück schon lange nicht mehr hold. Das 1822 gegründete Traditionshaus ist mit seinen rund 2000 Quadratmeter Ladenfläche Marktführer in Gießen; sein Inhaber hat sich, seit er als Vierundzwanzigjähriger dort eintrat, längst mit vielen Aktionen rund ums Buch nach eigener Aussage „als Leuchtturm“ etabliert.

          Neue Nachbarn

          Schormann gilt als „Kumpelbuchhändler“, so hat ihn sein Vorgänger Ulmer beschrieben. Nun hat der Vorsteher gestern die Branche mit einer Nachricht überrascht, die als Marketing-Erfolg zu werten schwerfallen wird: Schormann schließt die Ferber'sche zum 12. November wegen, so die offizielle Mitteilung, „fehlender Nachfolge in der eigenen Familie“. Damit wäre er in der Sphäre des deutschen Buchhandels gewiß kein Einzelfall. Auch die Umstände sind nicht singulär: Die Ferber'sche erhält noch in diesem Jahr in nächster Nähe Konkurrenz von der größten Buchhandelskette des Landes.

          Thalia, eine Tochter des Parfümerie-Mischkonzerns Douglas, zieht quasi nebenan ein - als Vollsortiment mit allen neuzeitlichen Schikanen plus Café. Thalia ist die derzeit expansivste Buchhandelskette, als einzige flächendeckend ambitioniert und mit mehr als hundert Niederlassungen im Bundesgebiet sowie vierzig in Österreich und der Schweiz vertreten. Für 2006 sind weitere zwanzig Neueröffnungen geplant. Da rollt also nicht nur auf Gießen etwas zu.

          Neue Spielart

          Er könne auf Dauer gegen Thalia nicht standhalten, sagt Schormann zu seinen Motiven. Also habe er mit Thalia verhandelt und erreicht, daß mehr als zwanzig seiner 36 Mitarbeiter dort einen neuen Arbeitsplatz finden. Und er selbst? Er wolle „den Geist der Ferber'schen überführen“, indem er die Flucht nach vorne ergreift: Schormann wird beim neuen Platzhirschen Thalia „in leitender Position für die Bereiche Marketing, PR und Veranstaltungen“ zuständig sein.

          Schockschwerenot: Das Traditionshaus wankt, die Kette kommt, sieht und siegt. Kampflose Übergabe des Marktplatzes mag eine neue, sanfte Spielart des Kapitalismus sein - oder, in den Augen der Konkurrenz, eine völlige Absurdität. Seit Jahren lebt ein großer Teil der Buchhändler in der Furcht vor Ketten wie Hugendubel, Weltbild, Thalia, deren Wachstumstempo die gewachsenen Branchenstrukturen dramatisch verändert. Daß nun ausgerechnet die Galionsfigur der Zunft das Schicksal erleidet, das viele fürchten, hat besondere Symbolkraft. Man darf gespannt sein, wie die vielen tausend mittelständischen Buchhändler, die Schormann als Börsenvereins-Vorsteher zu vertreten hat, diesen Coup beurteilen werden.

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