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Bucherfolg : „Ich wollte schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker“

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Haben Sie sich beim Schreiben amüsiert? Es heißt ja immer, Komik sei sehr anstrengend.

Für mein Verständnis vom Schreiben empfinde ich es als ganz wichtig, daß man, wenn möglich, alle Facetten der eigenen Persönlichkeit einbringen sollte. Das gelingt immer nur unvollständig, aber je vollständiger es gelingt, desto besser. Es gibt einen wunderbaren Satz in Salingers letzter veröffentlichter Erzählung. Da heißt es: „When you write, see to it that all your stars are out.“ Also ungefähr: Wenn du schreibst, achte darauf, daß alle deine Sterne aufgegangen sind. Diesen Satz finde ich ungeheuer überzeugend. Ich hatte vorher immer das Gefühl, ich sei jemand, der Humor sehr schätzt, der selbst gerne lacht, aber ich schreibe so ernste Bücher, irgendetwas stimmt da nicht. Und diese Facette meiner selbst in einen Roman hineinzubringen, war sehr harte Arbeit.

Die Bestsellerlisten gelten indes nicht unbedingt als Geschmacksbarometer des Bildungsbürgertums. Glauben Sie an die Intelligenz der Leserschaft, an ihre Bildung?

Ja. Es ist einer der radikalen Grundirrtümer der Medienwelt unserer Tage, daß es für Dinge mit Niveau und Anspruch kein Publikum gäbe. Das ist ein Aberglauben der Medien- und Verlagsleute. Am schlimmsten ist es beim Fernsehen. Es eine Menge niveauvoller Bücher, die ein großes Publikum finden - man muß sich nur die Taschenbuchauflagen der Klassiker ansehen, die immer noch alle für breites Publikum geschriebenen Neuerscheinungen spielend in den Schatten stellen.

Woran liegt Ihrer Meinung nach der Erfolg Ihrer Bücher im Ausland, wo man ja gemeinhin nicht eben erpicht ist auf deutsche Gegenwartsliteratur?

Ich war selbst immer sehr skeptisch, was deutsche Gegenwartsliteratur angeht. Es gibt natürlich Bücher, die ich sehr schätze, und Autoren, die ich sehr bewundere, aber grundsätzlich habe ich die deutsche Nachkriegsliteratur immer stark empfunden als eine Ausblendung der Strömungen, die mich am meisten faszinieren und die mich am stärksten geprägt haben. Und ich finde es zum Beispiel auch sehr bezeichnend, daß jemand wie Günter Grass in Deutschland sehr stark als traditioneller Erzähler wahrgenommen wird, während er in Amerika stärker wahrgenommen wird als ein großer Postmoderner neben Autoren wie etwa Salman Rushdie, mit dem er meines Erachtens mehr gemeinsam hat als etwa mit Heinrich Böll, mit dem er in Deutschland immer zusammen genannt wurde. Für mich blendet die deutsche Gegenwartsliteratur viel von jenem Spielerischen und jener Leichtigkeit aus, die für mich unbedingt zur literarischen Moderne gehören. Sie reduziert auf die Alternative traditionelles Erzählen auf der einen Seite und spätdadaistisches Sprachspiel auf der anderen. Nehmen Sie den Roman, der mich am meisten geprägt hat, Nabokovs „Fahles Feuer“. Als ich mir vor einigen Jahren die deutsche Ausgabe kaufte, gab es noch kein Taschenbuch und man bekam es noch in der Erstauflage von achttausend Exemplaren von 1968. Das Buch wurde also in Deutschland seit dem Jahr 1968 nicht einmal von achttausend Leuten gekauft.

Sie haben einmal gesagt, „das zunehmende Chaos im Menschenleben sei das geheime Thema“ Ihres Schreibens, ja Ihres Lebens. Was hat es damit auf sich?

Im Grunde das, worüber wir vorhin geredet haben: das Alter. Das Alter ist das zunehmende Chaos im Leben. Man sammelt mehr Dinge an, mehr Beziehungen, mehr offene Rechnungen - es wird alles immer komplizierter, und es wird alles immer schwerer zu vereinfachen, und es braucht dazu immer größere Gewaltakte. Der Satz von der Entropie sagt ja, daß immer und überall in der Welt das Chaos ständig steigt, und wenn man an einer Stelle Ordnung schafft, kostet es einen woanders umso mehr Energie. Das ist in jedem einzelnen Leben so, und auch jeder Schreibtisch wird von selbst immer nur unordentlicher, und man denkt sich, warum wird er nicht mal von selbst ordentlicher? Wegen der Entropie. Er kann letztendlich nur unordentlicher werden.

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