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Bucherfolg : „Ich wollte schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker“

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Außerdem erlebe ich, daß der Roman ganz erstaunlichen Anklang findet bei der Gruppe derer , die ein naturwissenschaftliches Studium absolviert haben, auch bei Ingenieuren, Vermessungstechnikern. Die haben offenbar das Gefühl, daß hier ihre Welt endlich einmal betrachtet und eingefangen wurde.

Nun ruht der Buchmarkt ja eher in weiblichen Händen, weil Frauen bekanntlich mehr Bücher kaufen und lesen, zumal Belletristik. Ihre Erfahrungen allerdings lassen darauf schließen, daß Ihr Buch mehr Männer anspricht, als dies bei Romanen gewöhnlich der Fall ist.

Ja, das ist so. Darüber habe ich mit Buchhändlern gesprochen. Auch bei meinem Roman besteht der Großteil der Käufer aus Frauen; wenn Frauen die „Vermessung“ überhaupt nicht lesen wollten, fände ich das erschreckend. Aber der Männeranteil ist tatsächlich größer, weil Wissenschaft ein männliches Thema ist. Und es geht ja auch um Abenteuer, um Reisen, um das Bergsteigen, und ein bißchen ist das wohl ein Thema für große Jungs.

Obwohl es viele sehr komische Dialogszenen gibt, vermeiden Sie jegliche wörtliche Rede. Was hat es mit der ausschließlichen Verwendung der indirekten Rede auf sich?

Ohne die Idee der indirekten Rede hätte ich das Buch nicht schreiben können. Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. Deshalb verwende ich auch den Begriff historischer Roman normalerweise nicht, sondern nenne es einen Gegenwartsroman, der in der Vergangenheit spielt. Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah', sagte Napoleon, ,wir greifen im Morgengrauen an.'“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. Hinzu kommt, daß ich mich nicht als traditionellen Erzähler sehe. Ich habe versucht, in jedem Roman etwas auszuprobieren, was ich als Experiment empfinde. So gab es in meinem ersten Roman, „Beerholms Vorstellung“, einen Ich-Erzähler, der stirbt, und in „Ich und Kaminski“ einen höchst unsympathischen Ich-Erzähler, der jede Identifikationsmöglichkeit zurückweist.

Und in „Die Vermessung der Welt“?

Auch darin sehe ich einen experimentellen Roman. Ich habe mich nämlich gefragt: Wie kann man einen in der Vergangenheit spielenden Roman, in dem Musketen abgefeuert werden, auf der künstlerischen Höhe der Zeit schreiben? Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und - und das ist der entscheidende Punkt - er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl - und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nich mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

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